Delta Spirit

Ode To Sunshine

Veröffentlicht: 05.06.2009 / Rounder Records / Universal Music

Von: Sascha Knapek

Delta Spirit

Das Debütalbum von Delta Spirit auf einen Nenner herunterzubrechen ist nicht besonders einfach. Sie kommen aus dem südwestlichsten Zipfel der USA und zitieren in der unmittelbaren Nähe zu Mexico alles, was man unter dem Großdach ‘Americana‘ – und die damit verbundenen historischen und kulturellen Konotationen – verstehen kann. Wohlgemerkt, verstehen kann. Ein früher Neil Young oder das geschichtenerzählerische Gen eines Bob Dylan sind dem jungen Fünfer aus San Diego nämlich ebenso nahe, wie Northern Soul, Motown, zeitgenössischer Indie-Rock und die durch Sprache erzeugten Bilder eines rastlosen Jack Kerouac.

Wie Bassist Jon Jameson im Interview mit uns andeutete – besagtes Interview findet ihr hier –, wählt die Band den Begriff ‘Americana-Soul‘ selbst gar nicht so gerne, aber beschreiben tut er das Phänomen Delta Spirit trotzdem prima. Der eher simple Wegweiser transformiert sich, liegt “Ode To Sunshine“ erst einmal im Player, in Sekundenschnelle zur vorher so noch nicht wahrgenommenen Standortbestimmung. Dreckigen und faustdicken Indie-Rock verbinden Delta Spirit mit dem bereits erwähnten Northern-Soul-Aspekt, traditionellem Hobo-Folk-Flair (man spielt auch gerne schon mal auf den sprichwörtlichen Mülleimerdeckeln, wenn nichts anderes da ist) und persönlich- bis sozialkritischen Texten.

Anderthalb Minuten dauert der erste Track (“Tomorrow Goes Away“) von Delta Spritis LP-Debüt. Die geschrubbten Saiten der Akustikklampfe treiben Sänger Matthew Vasquez noch relativ ungefährlich vor sich her, die Ouvertüre ist geschmeidig und wiegt einen vorm bald darauf einsetzenden Feuerwerk in Sicherheit. “Trashcan“, “People C’Mon“, “Parade“, “Streetwalker“ und “Children“ sind im Fortlauf der Platte, die lauten Feuergranaten. Vasquez schreit sich die Seele aus dem Leib, könnte trotzdem jederzeit auch Motown-Nummern trällern und ist stimmlich das Erfrischendste, was ich in den letzten Jahren gehört habe. Hinter ihm rollt Sean Walkers Indie-Rock’n’Roll-Gitarre, Jon Jamesons Hobo-Bass und Kelly Winrich und Brandon Young klopfen, trompeten und hämmern auf allem rum, was ihnen in die Quere kommt. Eine spontane Geste reiht sich an die nächste, sie passen auf die Bühne, ins Cabin-Studio, in die Fußgängerzone, auf den progressiven Farmers Market oder auf eine lustig angestrichene Parkbank.

Zwischendurch streut das Quintett immer wieder besinnliche Momente ein. “House Built For Two“ trabt leise zum tonnenschweren Herzschmerzpiano und “Bleeding Bells“ fesselt dank der wunderbar rostigen Trauertrompeten. “People, Turn Around“ hat viel zu sagen und porträtiert subtil die amerikanischen Bush-Jahre. Das große Improvisationstalent und der aus dem Effeff beherrschte, und im Detail steckende, Teufel wird von Delta Spirit in diversen großartigen Outros angedeutet. Kleine, instrumentale Epiloge, die diese Nummern nur noch weiter aufwerten. Der Titeltrack “Ode To Sunshine“ schließt nach knapp 45 Minuten ähnlich geschmeidig, wie der Opener “Tomorrow Goes Away“ alles beginnen ließ. Ein aufregender Tag im Leben von Delta Spirit hat trotz aller Abwechslungen auch Parallelen im Petto.

Man öffnet die Augen, sieht links einen Kaktus, rechts eine Palme, dahinter die vorbeirauschende Eisenbahn und vor der Sonne, die am Horizont aufgeht, prügeln fünf Kerle auf ihre Instrumente ein. Diesen Moment vergisst man nicht so schnell, denn dieser Moment kristallisiert sich bei den ersten Durchläufen von “Ode To Sunshine“ heraus. Eine ungeheuer dichte Scheibe, ohne Ausfälle, ohne Kompromisse, ohne modische Effekthascherei, aber mit ganz viel Feuer unterm amerikanischen Roots-Musik-Dach!

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