Playing The Angel

Wie doch die Zeit vergeht. Vier Jahre sind seit dem letzten Depeche Mode Album „Exciter“ ins Land gezogen. Natürlich waren die einzelnen Bandmitglieder in dieser Zeit nicht tatenlos und unkreativ. Nach Abschluss der Exciter-Tour gab es nach wie vor einiges an Aktivität im Hause Depeche Mode - allerdings nicht als Band. Andy Fletcher gründete sein eigenes Label „Toast Hawai“ und arbeitete immer mal wieder als DJ. Martin Gore brachte mit „Counterfeit 2“ den zweiten Teil seiner Serie radikaler Neubearbeitungen von Songs alter und neuer Helden heraus. Kommen wir aber zu der wichtigsten Aktivität, denn die hat auch weitreichende Auswirkungen für das Werk von Depeche Mode. Im Jahre 2003 veröffentlichte Dave Gahan sein Solo-Debütalbum „Paper Monsters“. Ab da war wohl auch klar, dass Dave Gahan zum 11. Studioalbum seiner Stammband eigene Songs beisteuern wollte. „Playing The Angel“ ist nun das erste Album in der langen Geschichte von Depeche Mode, bei dem Dave Gahan auch als Komponist in Erscheinung tritt.
Momentan scheinen ja die 80er wieder sehr hip zu sein und überall schießen die Revivals und Referenzen aus und an diese Zeit wie Pilze aus der Erde. Schreiend wegrennen möchte man. Was gab es in dem Jahrzehnt, gerade musikalisch, nicht alles an Katastrophen? Viele Sachen waren schon nahe dran an der Körperverletzung. Mit „Playing The Angel“ nähern sich Depeche Mode auch wieder etwas mehr ihrer Vergangenheit aus den 80ern an und damit stellen sie eine rühmliche und erfreuliche Ausnahme dar, denn sie waren seinerzeit schon einer der wenigen Bands, die man durchaus als Musikpioniere bezeichnen konnte. Nun haben wir aber das Jahr 2005 – Fortschritt durch Rückschritt also? Ja und Nein! Ja, weil das aktuelle Werk im Rückblick Mark Bells Sound Update auf „Exciter“ ziemlich unmutig und alt aussehen lässt. Nein, weil „Playing The Angel“ kein Rückschritt ist. Innovation ist hier schon auszumachen und eine Rückbesinnung auf die Stärken eines Meisterwerks wie „Black Celebration“ kann so verkehrt nicht sein. Wir haben es also mit Fortschritt gepaart mit Depeche Modes vielleicht bester Phase zu tun.
Die Platte beginnt mit einem Sirensound aus dem Analogsynthezier und wer jetzt die Anlage schon bis zum Anschlag aufgerissen hat, der dürfte schon leichtes Ohrenbluten haben. Danach fühlt man sich etwas an Massive Attack erinnert und dann setzt der Gesang von Dave Gahan ein und man ist mittendrin in den 80ern. Insgesamt ist der erste Track „A Pain that I´m Used to“ ein starker Auftakt. Danach gibt es mit „John The Revelator“ einen Track voll mit purem Sex. Man darf sich hier schon auf die Konzerte freuen, denn der Song ist Dave Gahan wie auf den Leib geschneidert und live dürften hier seine ganzen Entertainer-Qualitäten zum Ausdruck kommen. Sehr starker Song! „Suffer Well“ ist dann der erste von drei Songs aus der Feder von Dave Gahan. Der Beginn des Stückes erinnert entfernt etwas an New Order, entwickelt sich aber ziemlich schnell zu einem Dave Gahan Stück. Ja man hört hier schon raus, dass es sich um einen Song des Sängers handelt, aber der macht sich erstaunlich gut auf dieser Platte. Eine mehr als positive Überraschung! „The Sinner In Me“ wird getragen von einem Gleichgewicht zwischen organischen und synthetischen Klängen und endet in einem Stakkato aus Lärm und Effekten. An der ersten Single „Precious“ gibt es dieser Tage wohl kein Vorbeikommen, wird ja rauf und runter im Radio gespielt. „Macro“ oder auch „Macrovision“, wie der Track wohl ursprünglich hieß, ist einer dieser wunderschönen und reinen Popsongs, die wie maßgeschneidert sind für die Stimme von Martin Gore. Mit „I Want It All“ wird dann die (ruhigere) zweite Seite eingeleitet. Dieser Gahan Song trägt diese wunderbare Moll-Stimmung und ist insgesamt wohl das ruhigste Stück der gesamten Platte. „Nothing Is Impossible“ wirkt in seiner depressiven Grundstimmung schon fast bedrohlich – ganz starker Song des Sängers. „Introspectre“ ist ein ambientes Zwischenspiel, was man von den Jungs so auch nicht unbedingt erwartet hätte. Da haben Depeche Mode wohl auch ganz genau bei den Kollegen von Radiohead und besonders bei Kid A zugehört. „Damaged People“ ist einer dieser spärlich arrangierten, wunderschönen Depeche Mode Songs. „Lilian“ wurde zwar weiter hinten auf dem Album versteckt, hat aber vom Potenzial unheimliche Hitqualitäten und würde sich auch gut für eine Singleauskopplung eignen. Der Track vereinigt hier sämtliche Stärken des Dreiers und ist sehr gelungen. Mit „The Darkest Star“ findet das Album dann einen würdigen Abschluss.
Ob „Playing The Angel“ den Test der Zeit bestehen wird (und kann) und eines Tages als (spätes) Meisterwerk von Depeche Mode gehandelt wird, muss sich erst noch zeigen. Insgesamt haben es Depeche Mode aber geschafft eine starke Platte vorzulegen, die sich dieser Tage auch hinter so manch anderer gehypten Veröffentlichung nicht verstecken muss. Die Soloalben von Martin Gore und Dave Gahan haben sicher dazu beigetragen und waren insgesamt wohl sehr wichtig für Depeche Mode – auch wenn damit einige Unstimmigkeiten verbunden waren. So haben sich die Jungs aber wohl noch mal kreativ gegenseitig zu Höchstleistungen befruchtet. 7 von 9 Sternen.