Der Strassenchor

Der Strassenchor

Veröffentlicht: 27.11.2009 / Ariola / Sony Music

Von: Andreas Weist

Der Strassenchor

Ein schwieriges Projekt hat sich Pianist und Chorleiter Stefan Schmidt da zur Selbstverwirklichung ausgesucht. Ein Chor von der Straße im wahrsten Sinne des Wortes – ein Chor aus Obdachlosen, Hartz IV-Empfängern und sozial Engagierten. Allein von der Population wird dies eine Zusammenstellung sein, die nicht unproblematisch ist. Der neue Sender zdf_neo hat sich der Idee angenommen und eine mehrteilige Dokuserie zum Thema gedreht. "Soap" muss man heutzutage wohl sagen. Doch das Ergebnis ist angenehm unsensationell. Hier werden keine Menschen vorgeführt, der Lächerlichkeit preisgegeben oder zu Stars hochstilisiert, um sie in der nächsten Minute wieder fallen zu lassen. Stattdessen geht es um die Menschen und darum, was die Musik aus ihnen macht. In den einzelnen Folgen kommt dabei das Chorprojekt an sich, das Einstudieren von Liedern und die damit verbundene Arbeit, etwas zu kurz. Doch dafür gibt es schließlich die CD als Endergebnis, anhand derer man den Erfolg überprüfen kann.

Die Auswahl der Songs ist sehr spannend. Der Konzertpianist Schmidt hat sich keineswegs an gängiger Chorliteratur ausgerichtet, sondern Songs der Pop- und Rockgeschichte ausgewählt, wie sie auch moderne A-cappella-Gruppen in ihrem Repertoire haben. Die Zuhilfenahme instrumentaler Arrangements ist dabei sicher ein Zugeständnis an den Massengeschmack – aber auch dem Zeitfaktor geschuldet. Denn aus unausgebildeten Stimmen einen Chor zu bilden, der mehrstimmige Arrangements ohne Begleitung interpretiert, hätte dann doch vermutlich jeden vorgegebenen Rahmen gesprengt.

So erwartet uns für die CD eine Auswahl deutscher und englischer Songs, die passend zur Thematik "Verzweiflung und Hoffnung" ausgewählt wurden. So abgedroschen das erscheinen mag, so passend und angemessen finde ich doch die Auswahl. Nenas "Wunder gescheh‘n" wurde mit einem orchestralen Arrangement versehen. Die 26 Sängerinnen und Sänger gruppieren sich in eine männliche und eine weibliche Gruppe, die im Wechsel das Stück einsingen. Daraus entsteht kein homogener Klang. Man hört die einzelnen Stimmen raus, was nicht unbedingt der Idee eines Chores entspricht. Doch man hört förmlich aus den Stimmen das Engagement und den Mut der beteiligten.

"Ein Kompliment" der Sportfreunde Stiller kommt mit fröhlicher Bandbegleitung daher. Es singen Solisten, denen man die Freude deutlich anhört, und es stört auch keineswegs, wenn ein Sänger das Timbre einer Opernarie in die Stimme legt. Enyas "Only Time" ist der Song, mit dem in der Doku auf der ersten Probe begonnen wurde. Wenn man die Entwicklung bis zur jetzt fertigen Aufnahme betrachtet, muss man große Hochachtung vor der Leistung der Gruppe und des Chorleiters haben. Natürlich ist es ein rührseliges aber halt auch sehr berührendes Stück.

"Stand By Me" bietet endlich ein echtes A-cappella-Arrangement mit etwas Percussion und menschlicher Beatbox. Das ist der beste Beweis dafür, was eigentlich alles möglich ist und dass es nicht durchgehend eine Bandbegleitung gebraucht hätte. Weiter beschert uns die Auswahl mit "Ich war noch niemals in New York" eine Schlagerhymne zum Mitsingen oder "Helden" – den Bowie-Song mit deutschem Text.

Das Pianostück "Ballade Op. 10 (Andante)" von Brahms fällt komplett aus dem Rahmen, gewinnt aber an Bedeutung, wenn man in der Doku gesehen hat, dass solche Stücke Stefan Schmidts Ausdruck des "Weinens" sind, was durchaus eine Rolle im Projekt spielt. Danach erklingt dann auch passend Lindenbergs "Wenn du durchhängst", das ein Solist mit kratziger Stimme vorträgt, die perfekt zum Lied passt. Zwar nicht sauber intoniert, aber absolut authentisch. Solistische Elemente nehmen breiten Raum ein, was zum Beispiel Cohens "Hallelujah" beweist, das als Pianoballade von mehreren Solisten vorgetragen wird, die zwar mit zittriger Stimme singen und zum Teil Schwierigkeiten mit der englischen Aussprache haben, dabei jedoch durchgehend Gänsehaut erzeugen.

Als Schirmherr des Projekts hat sich Heinz Rudolf Kunze eingefunden, der auch zwei Songs (nämlich "Längere Tage" und "Möglich") zur CD mit beiträgt und sich damit vom Chor im Background begleiten lässt. Mein Anspieltipp für euch soll der Coldplay-Titel "Fix You" sein, der hier mit einem genialen Tenorsolo versehen wurde und nicht nur textlich berührt.

Meine 8-Sterne-Wertung vergebe ich nicht für die musikalische Umsetzung. Das wäre Quatsch, denn die Ecken und Kanten in der Ausführung würde man einem "normalen" Chor nicht durchgehen lassen. Aber die Idee und das Ergebnis des Engagements der Wenigen, die sich für dieses Projekt hergegeben haben, ist umwerfend und zeigt eindrucksvoll, wie man die soziale Problematik angehen kann, ohne die Protagonisten an den Pranger zu stellen oder zu Abziehbildern ihrer selbst zu machen. Stattdessen werden sie als Persönlichkeiten dargestellt und mit einer Geschichte und einer Entwicklung versehen. Stefan Schmidt hat den Chor zu einer Einheit formiert, in der der Einzelne sich für die Gesamtheit zurücknehmen und doch seinen wichtigen Beitrag leisten kann. Es macht Spaß, dem zuzuhören und vielleicht wird der unbedarfte Zuhörer zum Mitsingen angeregt – auch weil er erkennt, dass nicht alles stimmlich perfekt sein muss, um schön zu klingen.

Sendetermine der noch nicht abgeschlossenen Serie: im Dezember 2009 immer mittwochs um 19.30 Uhr auf zdf_neo.

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