Fettes / Brot (2 Einzel-CDs, live)

Fettes Brot zelebrieren ihre Musik, sie zelebrieren ihre Konzerte und natürlich zelebrieren sie auch ihr neues Livealbum. Hat schon was von Größenwahn, Mitschnitte der letzten Tour verteilt auf zwei Einzel-CDs auf den Markt zu schmeißen. Und das noch zeitgleich. Wer hat sich ein solches Vorgehen bisher getraut? Guns’n’Roses mit "Use Your Illusion", die Beatles mit dem roten und dem blauen Album und natürlich Herbert Grönemeyer "live" und "unplugged" – die Henne und das Ei. Die Marketing-Maschinerie, die Fettes Brot dafür haben anlaufen lassen, war schon spannend: Eine Website mit imaginärem Wettkampf zwischen blau und orange (den Albumfarben). Der Aufruf, sich im Profil in den Sozialnetzwerken für eine der Farb-Seiten zu entscheiden. Ein durchdachtes Konzept, das zumindest Aufmerksamkeit erregt.
Wenn man das Album dann in Händen hält, sind die Tracklisten allerdings austauschbar. So ist die Musik der Brote selbstredend nicht in zwei Kategorien einteilbar, die gänzlich unterschiedliche Alben ergeben hätten. Neben dem Trio Doc Renz, König Boris und Björn Beton findet sich ein bigbandmäßig aufgeblähter Klangkörper mit Bläsertruppe und Gitarrero Pascal Finkenauer auf der Bühne, was den Songs den nötigen Festivalcharakter einhaucht. Die Stimmung der Festivalgemeinden von Nord bis Süd ist durchweg gut. Ich würde jetzt gerne behaupten, man merkt gar nicht, dass quasi jedes Stück von einem anderen Konzert stammt. Doch leider stört zwischen fast allen Tracks eine den Bruchteil einer Sekunde dauernde Pause den Konzertfluss. Sehr schade – vor allem wenn dadurch eine Ansage durchbrochen wird.
Wer sich davon nicht stören lässt, genießt ein gigantisches Hitgewitter mit Songs wie "Jein" (in einer komplett auf den Kopf gestellten Version 2010), "Amsterdam" und "Schwule Mädchen" auf dem blauen, sowie "Kontrolle", "Emanuela" und "Können diese Augen lügen?" auf dem orangen Werk. Der Klassiker "Nordisch By Nature" wird als Intro gar in einer nostalgischen "My Way"-Version dargeboten.
Ein Schwerpunkt der Tour lag zudem natürlich auf dem "Strom und Drang"-Album, das entsprechende Würdigung erfährt. Schließlich war der sechste Longplayer der bisher erfolgreichste in der 18jährigen Geschichte. Die Dame mit dem Faible fürs Ausziehen heißt in der Live-Version "Bettina Superpunk". Bis auf "Das traurigste Mädchen der Stadt" sind alle Titel des aktuellen Werks vertreten. Ein besonderes Augenmerk möchte ich auf die Umsetzung von "Ich lass dich nicht los" gerichtet wissen, das auch in der Live-Umsetzung vom ersten Ton an Gänsehaut erzeugt und sich in ein nervenaufreibendes Finale steigert. Ganz groß!
31 Songs zum Durchstarten auf zwei fulminanten Alben. Nein – wartet nicht, bis vielleicht in wenigen Monaten eine 08/15-Doppel-CD mit beiden Silberlingen erscheint. Kauft beide Alben jetzt und feiert mit den Broten ab. Sie haben’s verdient!