Fettes Brot

Strom und Drang

Veröffentlicht: 14.03.2007 / Fettes Brot / Indigo

Von: Andreas Weist

Fettes Brot

Die nachdrückliche Bitte an Bettina, sich doch bitte etwas anzuziehen, war erst der Anfang. Die Brote sind wieder da – und das Trio aus Hamburg zeigt der deutschen Hip-Hop-Welt, was eine Harke ist. Nach den Anfangserfolgen "Nordisch By Nature" und "Jein" in den 90ern war es vor drei Jahren der (zugegebenermaßen recht nervige) Song "Emanuela", der die Rapper zurück ins Gedächtnis der Musikwelt brachte und ihnen immerhin in zwei Kategorien den Musikpreis Comet bescherte.

Der Titel "Strom und Drang" ist Programm. Von Beginn an merkt man den Dreien an, dass sie weiterhin die Spaßfraktion im deutschen Rap anführen. Dabei ist der Eröffnungstrack vor allem Ausdruck eines nächtlichen Lebensgefühls und kommt sehr atmosphärisch rüber. Der momentane Singlehit betrachtet die übersexualisierte Pseudo-Quiz-Show-Generation von Sendern wie 9 live. Musikalisch hat man sich vom Polka-Rhythmus des letzten Megahits "Emanuela" verabschiedet und wendet sich ausgiebigen Elektrosounds zu.

"Das traurigste Mädchen der Stadt" stellt die Geschichtenerzähler in den Vordergrund. Unterlegt mit starken Beats und einem Echolot-Soundschnipsel wie aus Nenas Leuchtturm wird die Story des traurigen Mädchens auf der Tanzfläche erzählt, die vor allem dann an Fahrt gewinnt, wenn das Mädel sich aufgrund des ewigen Angestarrtwerdens selbst zu Wort meldet. Ebenso lässig und sehr rhythmusbetont startet "Erdbeben" und lehnt sie an die "Fette Elke" der Ärzte an, wobei die Hauptrolle aber äußerst positiv dargestellt wird. Dick sein ist in und der Neid der dürren Models gipfelt in dem Tipp "Eure Mama muss für euch mal Kuchen backen." So werden Lebensweisheiten ans Volk gebracht.

Mit dem poppig und auch etwas selbstironisch geratenen "Der beste Rapper Deutschlands ist offensichtlich Ich" darf in einem Rundumschlag mal die ganze Hip-Hopper-Gilde (und vor allem die Aggro-Szene) ihr Fett abbekommen. Nicht allein die Funk-Anleihen machen den Song zum hübschen Ohrwurm. Später nimmt "Automatikpistole" das Thema wieder auf und behandelt die Gangster-Rap-Thematik vor ernstem Hintergrund.

Die Ballade "Ich lass dich nicht los" bildet für mich das Highlight des Albums. Der Plot eines Tatort-Krimis eingebettet in schnelle Sprechgesang-Strophen und ein Refrain im seichten Naidoo-Stil. So muss der Song einer verunglückten Liebe im neuen Jahrtausend klingen. Das positive Gegenstück darf dann der Gute-Laune-Song "Das allererste Mal" bilden.

"Schieb es auf die Brote" drückt Lebensgefühl und Selbstverständnis aus. Mit viel Groove findet sich hier der ultimative Hinweis für alle, die mit den Umständen unzufrieden sind und jemanden suchen, dem sie die Schuld dafür geben können. Das sanfte "Hörst du mich?" bildet den würdigen Abschluss für ein wegweisendes Album. Ungewöhnlich melodisch nehmen die Brote Abschied von Marvin Gaye und Sophie Scholl.

Fazit: 38 Minuten sind definitiv zu kurz für das neue Brote-Album. Aber intensive Musikerlebnisse hatte man früher auch mittels einer Vinylscheibe, die selten mehr als 22 Minuten pro Seite rüberbrachte. Wer wissen will, was zwischen Hip Hop, deutschem Pop und elektronischen Sounds so alles möglich ist, liegt mit dem sechsten Longplayer der Brote genau richtig.

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