Porzellan

Die Band Fotos stammt aus dem Raum Hamburg sowie dem Raum Köln und hat bisher zwei Alben ("Fotos" und "Nach dem Goldrausch") bei einem Sublabel der EMI vorgelegt. Werk Nummer drei erscheint dieser Tage bei dem Berliner Indielabel Snowhite und trägt den zerbrechlichen Titel "Porzellan". Ähnlich zerbrechlich wirkt auch der langsame Indierock, der sich mit zum Teil minimalen Mitteln sanft in die Gehörgänge schleicht.
Ohne Druck des großen Labels konnte das Quartett vermutlich mehr in die Tiefe gehen und der eigenen kreativen Ader freien Lauf lassen. Dass dabei nicht gerade gefällige Radiotitel entstanden sind, war vorauszusehen. Der Opener "Alles schreit" liefert zunächst eine Soundcollage nach dem Motto "Walgesang mit menschlicher Stimme", lässt dann aber rockige Töne folgen, die den verstörten Ersthörer sogleich versöhnen. Der Titeltrack "Porzellan" versucht sich an den Klängen des modernen Independent Folk à la Fleet Foxes, während "Nacht" zu eher poppigen Melodien tendiert. Ein gelungener Start für ein facettenreiches Werk, mit dem Fotos ihr Meisterstück abliefern wollen.
"Mauer" hat mit seinem monotonen, eindringlichen Refrain und den 80er-Keyboards eine klare NDW-Attitüde. Meine persönlichen Highlights folgen aber erst später: "Wasted" schafft mit völlig reduziertem Sound aus Gitarre und zweistimmigen Vocals eine heimelige Atmosphäre. Ebenso locker erklingt die akustische Idee von "Ritt" im Lagerfeuer-Songwriter-Stil. Genial dann die fröhliche Grundmelodie eines Tracks, der ausgerechnet den Titel "Angst" trägt. So werden Gegensätze gekonnt in Szene gesetzt.
Fotos verstehen es, den Zuhörer mit auf eine emotionale Reise zu nehmen, die mit beklemmenden, traurigen Tönen aufwartet, aber immer wieder Überraschungen zu bieten hat und aus diesem Raster ausschert. Dabei spürt man Einflüsse der Indie-Veteranen The Jesus And Mary Chain ebenso deutlich wie die philosophischen Anleihen bei der Hamburger Schule. Wenn es noch ein Album zum größeren Durchbruch in Deutschland gebraucht hat, dann könnte es dieses sein.