Grinderman

Grinderman 2

Veröffentlicht: 10.09.2010 / Mute / Good To Go

Von: Pascal Kraus

Grinderman

Nick Cave ist noch immer der alte Prediger, der Fährmann, der uns über den Fluss Styx geleitet. Sein Kruzifix um den Hals hat er jetzt gegen ein Mickey Mouse-Amulett getauscht. Nachdem die vier Grinderman-Mitglieder Cave, Warren Ellis, Martyn Casey und Jim Sclavunos vor etwa drei Jahren ihr selbstbetiteltes Debütalbum gebaren, haben sie erneut mit dem zweiten Werk schon im Titel "Grinderman 2" die Reduktion auf das pure Gerippe herausgeschält.

Das ist also bis auf die blanken Knochen abgenagter Rock´n´Roll. Wild und archaisch. Ein rohes surreales Konglomerat, welches die fletschenden Zähne hinter der Maske der Avantgarde trägt und schon im ersten Song "Mickey Mouse & The Goodbye Man" erzählen uns die bärtigen Wanderprediger in den Nadelstreifenanzügen die seltsame Geschichte zweier parasitärer Brüder mit der Frage nach dem untergetauchten Bösen im jeweiligen Wesen. Cave und seine alten Bad Seeds-Weggefährten haben eine perverse Lust am Krach gefunden, an den verstörenden Gitarren und polternden, teils synthetischen Drums.

In "Worm Tamer" hechelt Cave wie eine blutdürstige Bestie hinter seinem Opfer her. Bellend, keuchend und oft befremdlich geräuschvoll kriecht der Sound dieses Albums in deinen Körper. Die manischen beschwörenden Rituale zelebriert der Schattenprediger mit unverkennbarem Organ, welches durch die sägenden Saiteninstrumente zerstückelt wird. Die Percussion rüttelt den unerbittlichen Takt dazu. Oh, Du heidnisches Kind! Lass den Dämonen in der Grube! Lasziv und abgründig bewegt sich dieser schmutzige Sex weiter im Blues-Samba voran: "When My Baby Comes" endet schließlich in einer hypnotischen Orgie aus nebulösen Loops.

Diese Platte ist ein Untier, mit feuchtem Maul und Augen in roten Höhlen, ein Höllenwurm, gefräßig und ein stetiges Widerhallen dumpfer Donner des rohen Blues, an der Kreuzung die einst auch Robert Johnson in den Wahnsinn trieb. Wer entfliehen will, dem schlägt die Musik ihre Zähne tief ins Fleisch. Im vorletzten Track wird es dann doch noch versöhnlich und poppig-harmonisch in den "Palaces Of Montezuma" mit wiegendem Chorgesang in einem "…custard-coloured super-dream of Ali McGraw and Steve McQueen…".

Verzerrt und verschoben wabern die Töne durch die neun Stücke dieser "Grindermen", die Orgel leiert, Tenorgitarren und Mandocaster heulen. Mit dem "Bellringer Blues" reizen die vier Musiker zum Ende hin nochmals alle ihre seelenvollen Emotionen aus, die sie in dieses brutale zweite Machwerk aus Krach und Sinnsuche hinein gepflanzt haben. Grinderman sind keine profanen Ableger von Nick Cave & The Bad Seeds, sie sind die Hexenmeister im dunklen Verlies, dort wo sie an der Erschaffung eines neuen musikalischen Wesens arbeiten. Manchmal, ja manchmal haben wir Angst davor - aber was hilft es schon?

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