Let's Go Eat The Factory

Nach gefühlt unzähligen Veröffentlichungen seit den frühen Achtzigern mit "Guided By Voices" und ebenso zahllosen Nebenprojekten und Solo-Arbeiten hat der ehemalige Lehrer Robert Pollard, jetzt (doch) wieder mit jener legendären 90er Besetzung ein Album aufgenommen. Der Besetzung, welche bereits auf Platten wie "Under The Bushes, Under The Stars" eine eingeschworene Fangemeinde aus Indie – Rock – Nerds und auch so prominenten Kollegen wie Kim Deal (Pixies), Thurston Moore (Sonic Youth), sowie Pearl Jam´s Eddie Vedder zur Anhängerschaft zählen konnte. Der Rest der Menschheit ignorierte bislang konsequent die Fülle an schrulligen Songs und auch großen melodiösen Momente irgendwo im Spannungsfeld zwischen Punk, Folk, Rock und Pop und mit allerlei Querverweisen an die üblichen Verdächtigen im großen Kanon der populären Musik.
Dabei war doch nach eigener Aussage 2004 mit dem, im Vergleich zum Gesamtwerk der Indie – Heroen, eher mittelmäßigen Werk "Half Smiles Of The Decomposed" Schluss mit der Musik unter dem Banner Guided By Voices. Fortan ließ Pollard seiner Kreativität und seinem überbordenden Output, ja gar manischen Schaffensdrang an musikalischen Ideen unter eigenem Namen oder in diversen Projekten freien Lauf. Wahrgenommen hat diesen Umstand ohnehin nach wie vor nur die besagte Anhängerschaft. Vielleicht sind aber die Zeiten in denen sich der Rezensent auch die alten Scheiben der Replacements in den Plattenschrank stellt, wieder reif für den so genannten Independent – Rock? Wer weiß das schon?
Fakt ist heute allerdings, dass Mitch Mitchell, Kevin Fennell, Tobin Sprout, Greg Demos, Jimmy Pollard und eben der Chef Robert Pollard wieder gemeinsame Sache machen und ein frisches neues Album aufgenommen haben. Und was für eins. Mit dieser Platte legen die Herren aus Dayton / Ohio gleich zu Beginn des neuen Jahres die Messlatte im Genre Independent Rock schon recht hoch und es bleibt abzuwarten, ob auch anno 2012 noch die Aussage des "bestgehüteten Geheimnisses des Indie – Rock" (Mojo) Bestand haben wird?
Auf "Let´s Go Eat The Factory" zimmern Robert Pollard und Konsorten eine Musik zusammen, die sich wie gewohnt durch die verschiedensten Musikschnipsel sämtlicher Dekaden wühlt und nicht weniger als 21 Songs auf das Album packt. Dieser Umstand ist allerdings im Euvre der Band irgendwie schon eine Normalität. Die Songs bestehen dabei auch schon mal aus sehr kurzen piano getragenen Elegien oder Sample - lastigen Entwürfen, ja Skizzen fast. Mehr Keyboards und Effekte sind dabei als in den letzten Jahren. Sei´s drum. Die Ästhetik von GBV ist auch heute gewährleistet. Wie im Rausch schrauben die Musiker auf diesem Werk ihre Einfälle zu einem bunten brodelnden, manchmal scheppernd kratzigen Konglomerat zusammen, als wäre nichts gewesen.
Dabei ist der Beginn noch verhalten, die Stimme verzerrt und im Hintergrund. Doch ab der ersten Single Auskopplung "Doughnut For A Snowman", Lied Nummer 3, da haben sie uns wieder. Diese gniedelige, slackige Gelassenheit nach dem x-ten Bier in grade mal 1:44 min. Im Verlauf der knappen dreiviertel Stunde des Albums quetschen sich die schrägen, immer auch melodiösen Gitarren – Figuren wie selbstverständlich zwischen die Pianoanschläge und sonstiges Instrumentarium. Zärtliche Zuckerguss Vocals allenthalben. Soundcollagen. Streicherschwere orchestrale Eindringlichkeit: "Hang Mr. Kite". Es ist und bleibt ein Ritt auf Wellen, diese Überraschungsbonbons von Guided By Voices. Am Ende rocken sie das Ding immer wieder und wir freuen uns, dass wir sie (wieder) haben – auch wenn es vielleicht erneut keinen interessiert?