Herbert Grönemeyer

12

Veröffentlicht: 02.03.2007 / Grönland / EMI

Von: Thomas Kröll

Herbert Grönemeyer

Wenn Franz Beckenbauer sagt, der Ball ist eckig, dann ist der Ball ab sofort eckig. Was der bayrische Fussballkaiser meint, ist Gesetz. Ähnlich verhält es sich mit Herbert Grönemeyer, übertragen auf die deutsche Musiklandschaft. Er ist mittlerweile so etwas wie der Kaiser des Deutschrock. Ein Status, den sich der bekennende VfL Bochum-Fan seit seinem Durchbruch mit "Gemischte Gefühle" von 1983 hart und rechtmäßig "erspielt" hat. Über zehn Millionen verkaufter Alben kommen schließlich nicht von ungefähr. Grönemeyer hat zu fast allem etwas zu sagen und zwar so, dass es jeder versteht. Zumindest wenn er nicht allzu sehr knödelt und nuschelt. Zur politischen Großwetterlage ebenso wie zur persönlichen Alltagsbewältigung. Der Bonner General-Anzeiger hat ihn kürzlich "den Meister der musikalischen Lebenshilfe" genannt. Das trifft es ziemlich genau.

Fünf Jahre sind seit seinem letzten Album "Mensch" vergangen. Mir kommt es vor wie gestern. Mit "12" macht Grönemeyer nun also das Dutzend voll. Und wie immer sind die Erwartungen hoch. Aber Vorsicht! Die zwölf neuen Songs zünden mit wenigen Ausnahmen erst nach mehrmaligem Hören. Das Album braucht Zeit, um seine Geberqualitäten zu enthüllen. Und diese Zeit muss man ihm lassen, sonst könnte die Geschichte schnell als Enttäuschung enden. Und das wäre nicht nur ungerechtfertigt, sondern vor allem schade.

Die aktuelle Single "Stück Vom Himmel" macht den Anfang. Klanggewordener Optimismus verpackt in eine etwas bombastische Komposition, die sich sofort im Ohr festsetzt. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass der Song seit Wochen Tag und Nacht im Radio läuft, ohne dass man sich dagegen wehren könnte. Muss man aber auch nicht, ist "Stück vom Himmel" doch einer derjenigen Songs, die auf Anhieb gefallen. Ebenso "Du Bist Die", eine für Grönemeyer typische Gänsehaut-Ballade. Nach einem A Capella-Beginn entfaltet sie behutsam Stück für Stück ihre Poesie und strebt einem hymnischen Refrain entgegen. Dafür, dass es Grönemeyer schafft, unseren eigenen Gefühlsbrei so wortgewaltig und punktgenau zu Papier zu bringen, lieben wir ihn. Den letzten vergleichbaren Kloß hatte ich bei "Das Beste" von Silbermond im Hals. Bliebe noch "Ich Versteh", das als straighte Rock`n Roll-Nummer mit einem zwar simplen, aber umso eingängigeren Rhythmus jede Menge Spass verbreitet und Marius Müller-Westernhagen in seinen besten Zeiten zur Ehre gereicht hätte. Da die schon lange zurückliegen, ist das als Kompliment für Grönemeyer zu verstehen.

Den Rest von "12" muss man sich "erhören". "Kopf Hoch, Tanzen" entsetzt zunächst mit seinem "Neue Deutsche Welle"-Bontempi-Sound, aber wenn man sich erstmal darauf einlässt, hat das Stück durchaus einen gewissen Charme. Auch bei "Marlene" muss man zweimal hinhören. Nur mit Percussion und Streichern arrangiert prangert es sanft und leise, aber nicht minder eindringlich, den Umgang der sogenannten "Ersten Welt" mit Afrika an. Erst zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass es dabei in erster Linie um Aids geht. In eine ähnliche Kerbe haut Grönemeyer mit "Zieh Deinen Weg". Der Song beginnt fast mysthisch, bleibt ruhig und getragen, hat aber trotzdem eine klare Botschaft: "Allah hat kein Gesicht". "Ohne Dich" erinnert zeitweilig stark an "Was soll das" vom 1988er-Album "Ö" und setzt auch thematisch dort wieder an ("Liebe als Tiefschlag"). Auch "Flüsternde Zeit" ist quasi eine Fortsetzung. Und zwar die seiner WM-Hymne "Zeit, dass sich was dreht". Mit dem Unterschied, dass Grönemeyer hier nicht zur Veränderung aufruft, sondern kritisiert, dass die Partystimmung des vergangenen Sommers von der Regierung nicht positiv genutzt wurde. Musikalisch bleibt es abwechslungsreich. "Spur" lässt einen tanzen, wohingegen "Zur Nacht" (für mich der einzige echte Ausfall auf "12") eher den Charakter eines Chansons hat. "Leb In Meiner Welt" startet mit Streichern und Piano, schlägt dann urplötzlich in eine Art Tango um und endet als lupenreiner Rocksong. Grönemeyer wäre aber nicht Grönemeyer, wenn er uns nicht noch mit einem guten Schuss Optimismus entlassen würde. "Liebe erspart keine Konfusion/Überwindet nicht jede Angst/Liebe redet manchmal Mist/Aber sie ist ein Neuanfang" heisst es im Closer "Liebe Liegt Nicht".

Fazit: Herbert Grönemeyer hat sicherlich schon bessere Alben gemacht als "12". Es fehlt etwas die emotionale Tiefe und musikalische Experimentierfreude, die den Vorgänger noch so auszeichneten. Aber selbst damit ist er immer noch um Längen besser als die Mehrzahl seiner deutschsprachigen Kollegen. Hat sich das Album erst einmal erschlossen, bietet es alles, was wir von Grönemeyer erwarten dürfen: Pathos ohne Peinlichkeiten, Liebe und Lebensfreude, Hoffnung und Schmerz. Aber selbst er erschafft nun mal keine Meisterwerke im Akkord. Franz Beckenbauer hat schließlich auch nicht alle seine Elfmeter verwandelt.

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