Sleep Through The Static

“Surfer, Filmemacher, Musiker, Topseller, Weltretter, Lebemensch.” So und so ähnlich sehen Werbeposter aus, die die neue Jack Johnson CD „Sleep Through The Static“ anpreisen. Sinnfreier und peinlicher geht es in diesem Zusammenhang nur schwer (wenn überhaupt). Mit derart plumpen Slogans wird Johnson nunmehr seit drei Jahren hierzulande vermarktet und man muss sich nicht lange wundern, wieso der Name ’Jack Johnson’ heutzutage neben tausenden Fans auch unzählige Kritiker hat. Bei solchen Kampagnen kann ich es Menschen denen JJ erst 2004 oder 2005 über den Weg gelaufen ist nicht verdenken, dass auch oftmals Leute mit einem guten Musikgeschmack mittlerweile die Nase rümpfen wenn man erzählt, dass man den Singer/Songwriter gerne hört. Die eindimensionale Darstellung als Sunnyboy, Gutmensch und Schmusebarde verfehlt ihre Wirkung nicht. Um die Musik geht es größtenteils gar nicht. Hauptsache, das Motto „Sommer, Sonne, Spaß“ und das damit einhergehende Image stimmen und schon scheint die „Generation-Flip-Flop“ zufrieden.
Wie ungerecht das alles der Musik gegenüber ist, brauche ich niemandem zu erklären, der sich ernsthaft für das musikalische Schaffen von Jack Johnson interessiert. Der kleine, gutgehütete Schatz „Brushfire Fairytales“ den ich 2001 für mich entdeckte, kommt mir – wenn einen Anfang 2008 von zig Litfasssäulen diverse inhaltsleere und imagedienende Slogans anlechzen und Johnsons neues Album bewerben – wie eine Ewigkeit vor. Damals eine unerwartete Überraschung die einen über Monate hinweg fesselte, heute ein massenkompatibler Verkaufsschlager. Ich möchte das weder positiv noch negativ werten, nur verdeutlichen wie schnell sich die Zeiten ändern können.
Was „Sleep Through The Static“ auf den ersten Blick mit Johnsons Debüt-LP verbindet, ist die Wahl des Produzenten. Nach dem poppigen „In Between Dreams“ und dem dafür verantwortlichen Mario Caldato Jr., wurde für die neue Platte wieder der ehemalige Haus- und Hofproduzent von Ben Harper, JP Plunier, mit ins Boot geholt. Musikalisch sieht „back to the roots“ zwar anders aus, trotzdem tut die etwas zurückgenommenere Produktion speziell den starken Nummern des Albums sehr gut. Namentlich sind das „Hope“, „They Do, They Don’t“, „Go On“ und die erste Single „If I Had Eyes“. Alle offerieren subtile Beats, nicht zu laut und genau das richtige für Mid-Tempo-orientierte Ohren. Diese Songs, bei denen man Johnsons Mitstreiter Adam Topol, Merlo Podlewski und Zach Gill auch wirklich hört, sind wie so oft die Abwechslungsreichsten. Gerade das etwas andere Bass- und Schlagzeugspiel von Topol und Podlewski bildet das Fundament von Johnsons Sound. Nur man hört die beiden auf „Sleep Through The Static“ leider zu selten.
Der im Vorfeld angekündigte Schritt zur elektrischen Gitarre fällt im Lauf der gesamten Platte so gut wie nicht auf. Im Gegenteil, eigentlich merkt man sie nur beim gelungenen und bereits erwähnten „They Do, They Don’t“. Viele der restlichen Songs sind selbst für Johnson-Verhältnisse sehr – meiner Meinung nach zu – ruhig. Gleich der Opener „All At Once“ drückt gewaltig auf die Bremse und ist ein Vorbote für den Rest des Schlafs. Anschließend tun es ihm noch „Sleep Through The Static“, „Angel“, Enemy“, „Same Girl“, „Adrift“, „While We Wait“ und „Losing Leys“ (sprich 8 von 14 Nummern) gleich. Wie gesagt, selbst für Jack Johnson eine erschreckend hohe Dichte an „Lullabies“, die allesamt auch nicht die ruhige Intimität und Ausdrucksstärke von „Times Like These“ oder „The News“ erreichen. Da hatte ich mir von der E-Gitarrenankündigung insgesamt definitiv mehr erhofft.
Eigentlich ist die Rezension jetzt fast am Ende. Aber irgendwie sitze ich hier und bin mir nicht ganz sicher was ich von all dem denken soll. Ist die Platte für mich wirklich nur objektives Mittelmaß oder wurde man seit „In Between Dreams“ einfach von allen Ecken so sehr mit Surfer-Klischees, Pseudochill und Flip-Flop-Wahnsinn zugemüllt, dass man, egal wie sehr man es versucht, einfach nicht mehr unvoreingenommen an ein neues Jack Johnson-Album herangehen kann? Jahrelang hörte man Jacks Musik nirgends, nur bei sich zuhause oder bei eingeweihten Freunden. Seit drei Jahren hört man die Songs des Hawaiianers überall dort wo sie absolut nichts zu suchen haben (H & M, Lindenstraße, Big Brother, Formatradio...). Klar, dafür kann er nichts und das macht die Musik auch nicht schlechter. Sich das zwischen all diesen realen (und nicht nur plakatierten) Lebemenschen, Pseudosurfern, vermeintlichen Weltrettern und Formatradiohörern jedoch immer bewusst zu machen, fällt manchmal leider schwer. Aber auch dafür kann der Jack nichts. „Sleep Through The Static“ ist zwar nicht meine Lieblingsplatte von ihm, allerdings wird es ein seltenes qualitatives Licht in den Top 10 der deutschen Charts sein – egal wie ruhig es mitunter ist. Johnson macht ehrliche Musik, das war vor sieben Jahren so als ihn hier keine Sau kannte – und ihn kein Radiosender freiwillig gespielt hätte – und das hat sich auch mit Studioalbum Nummer vier (den neugierigen Georg zähle ich mit Absicht nicht mit) nicht geändert.