To The Sea

Spätestens nach der Veröffentlichung seines dritten Studioalbums "In Between Dreams" (2005) und den anschließenden Welttourneen (2005 + 2006) war es um den Insider-Tipp-Status von Jack Johnson geschehen. Seitdem ist der zurückhaltende Surfer ein Superstar, der Millionen Platten verkauft und ausverkaufte Konzerte in großen Arenen spielt. Hindern konnte ihn der Trubel allerdings nicht, nach der Ochsentour erst einmal eine Pause einzulegen. 2007 war Siesta.
2008 veröffentlichte der Mann aus Hawaii dann sein viertes, mit einer kühnen Ankündigung (er würde jetzt auch rockigere Töne, Stichwort E-Gitarre, anstimmen) versehenes, Studioalbum, "Sleep Through The Static". Im Grunde waren die 14 enthaltenen Songs, trotz Stroms, eine noch zahmere Chilltunes-Version des Erfinders dieser groovigen Lagerfeuermusik. Wenige Nummern blieben im Gedächtnis. Zu aufgebläht und zufrieden im Hier und Jetzt waren die Tracks und auch das Livedokument der anschließenden Tour, "En Concert", verdeutlichte, dass leise Musik, die mit tosenden Arenen im Hinterkopf konstruiert wird, zu kurz greift.
Danach wurde es entweder etwas ruhiger um den surffilmmachenden Musiker, oder ich verlor ihn einfach aus dem Auge (wahrscheinlich das). Dass man als Singer/Songerwriter, der bisher fast ausschließlich auf die Akustikgitarre setzte, allerdings auch zur E-Gitarre wechseln, sich neu erfinden und Großes schaffen kann, bewies ausgerechnet Johnsons Freund und Label-Kollege Mason Jennings. Der veröffentlichte 2009 mit "Blood Of Man" das Album, für das Jack Johnson ein leider mittlerweile zu großes Happening ist.
Relativ unspektakulär kam dann die Ankündigung, dass Jack Johnsons fünfte Studioscheibe in den Startlöchern steht. "To The Sea" heißt das gute Teil und einige Songs sind dem 35-jährigen Songwriter ausgesprochen gut und inspiriert gelungen. Im Vergleich zum Vorgänger schielen einige Stücke lieber zu den Meilensteinen "Brushfire Fairytales" (2001) und "On And On" (2003), als zum manchmal ziemlich beliebigen Radiopop, der folgen sollte. Keine Frage, "To The Sea" hat sehr gute Momente.
Gleich die ersten beiden Tracks, "You And Your Heart" und "To The Sea", sind beste Chilltunes-Kost. Tiefe und Groove schließen sich nicht gegenseitig aus, so hört man ihn gerne, den Jack. Dass er danach wieder in die langweiligen Muster des Superstars verfällt, ist leider vorhersehbar. Textlich verzapft er auf "To The Sea" schon einige Banalitäten, die er sich früher vornehm verkniffen hätte ("From The Clouds", "When I Look Up", "Pictures Of People Taking Pictures"). Aber wenn das Publikum grölt und eher auf den Eventcharakter, als die Musik schielt – und so ist das heutige Johnson-Publikum leider zu einem großen Teil – ist’s oft auch eher nebensächlich, was man da jetzt genau singt. Zumindest hat es den Anschein.
Das bedauernswerteste Manko von Jack Johnson bleibt auch auf "To The Sea" sein Erfolg. Hört sich komisch an, ist aber so. Das Problem ist nicht, dass man Johnsons Songs mittlerweile überall hört und mit Hinz und Kunz teilen muss, sondern, dass er Vieles hörbar mit dem Gedanken im Hinterkopf schreibt, dass es auch live vor 20.000 Menschen funktionieren muss. Deshalb ist Tastenkasper Zach Gill (Animal Liberation Orchestra) mittlerweile fester Bandbestandteil, schreibt an Songs mit und verhunzt live alte Klassiker wie "Flake". Zum Beispiel an "Red Wine, Mistakes, Mythology" war Gill als Texter und Musikschreiber mitbeteiligt. Die Nummer poppt vor sich hin, hätte prima auf die "Some Live Songs EP" gepasst und wurde trotzdem nur aus einem Grund so geschaffen: Fetzige Crowdpleaser bringen die Meute zum Kochen und sind die halbe Miete.
Reduzierter Groove und sandkörnige Subtilität brachten Jack Johnson nach oben. Ein griffiges Standardrezept, immer mehr Schnickschnack und ein auch auf Platte präsenter, angepasster, fetter Livesound waren, und sind, die Gründe, warum sich Johnson oben hält und den Abspringern mindestens doppelt so viele Neufans gegenüberstehen. Jack Johnson ist mittlerweile eine Marke. Das hört man auch auf "To The Sea", trotz einiger Lichtblicke, leider wieder zu deutlich heraus.