The Ballad Of John Henry

Joe Bonamassa gilt als der bedeutendste Newcomer der Bluesrock-Szene der letzten Jahre. Selbst der Gitarrenbauer Gibson hat ihm zu Ehren ein eigenes Modell ("Inspired By Joe Bonamassa") seiner berühmten Les Paul Goldtop in einer auf 300 Exemplare limitierten Auflage hergestellt. Eine rauhe Stimme und ein ebenso virtuoses wie präzises Spiel kennzeichnen den Stil von Bonamassa, der sich an den von Rory Gallagher, Stevie Ray Vaughan und insbesondere B.B. King anlehnt. In dessen Vorprogramm spielte er bereits als Zwölfjähriger (!), woraufhin ihn der Altmeister umgehend als Mentor unter seine Fittiche nahm. Inzwischen zählt Joe Bonamassa 31 Lenze, kann also auf fast zwanzig Jahre als Profimusiker zurückblicken.
In dieser Zeit hat der Sohn eines Gitarrenladen-Besitzers aus Utica im US-Bundesstaat New York (der Apfel fällt nicht weit vom Stamm...) neun Soloplatten veröffentlicht. "The Ballad Of John Henry" ist nun sein siebtes Studioalbum. Eingespielt wurde das Ganze mit Assen wie Carmine Rojas am Bass, Anton Fig und Bogie Bowles (beide Drums), Keyboarder Rick Melick sowie Blondie Chaplin an der Rhythmusgitarre. Und erstmals in seiner langen Karriere arbeitet Joe Bonamassa auf "The Ballad Of John Henry" mit Bläsern: Lee Thornburg und David Woodford sorgen unter der erneuten Regieanleitung von Produzent Kevin Shirley (u.a. Led Zeppelin, Aerosmith, The Black Crowes) für eine zusätzliche Klangkolorierung.
Nach eigener Aussage ist das neue Album sein bislang persönlichstes geworden: "Bisher habe ich es eher vermieden, die eigenen Erfahrungen in meiner Musik zu verarbeiten. Es ist schon schlimm genug, den Laufpass zu bekommen. Aber fast noch schlimmer ist es, darüber drittklassige Songs zu schreiben. Dann hat man sich nicht nur einmal, sondern gleich zweimal blamiert". Nun, diese Sorge ist vollkommen unbegründet. "The Ballad Of John Henry" ist von der Drittklassigkeit ebenso weit entfernt wie Karl Dall vom Titel des "Sexiest Man Alive". Mit sieben eigenen Stücken demonstriert Bonamassa darauf nicht nur sein grosses Talent als Songschmied, sondern auch Geschmack und Gespür bei der Auswahl seiner Coverversionen, von denen sich gleich fünf auf dem Album wiederfinden: "As The Crow Flies" (Tony Joe White), "Jockey Full Of Bourbon" (Tom Waits), "Funkier Than A Mosquito`s Tweeter" (Ailene Bullock), "Stop!" (Sam Brown) und "Feelin` Good" von Anthony Newley/Leslie Bricusse.
Joe Bonamassa schafft es scheinbar spielend, einerseits auf den Spuren seiner Lehrmeister wie B.B. King zu wandeln und zugleich eine innovative Brücke zu intelligentem Rock zu schlagen. Seine Licks, die wie beiläufig eingestreuten Soli und das grossartige Rhythmusspiel vereinen den Schmerz über seine in die Brüche gegangene Beziehung mit einer fetten Portion Kraft und Zuversicht. So werden die knapp 65 Minuten auf "The Ballad Of John Henry" zu einer gleichsam spannenden wie entspannten Reise durch die Welt des Bluesrock. Eine Reise, auf der Joe Bonamassa dem Hörer wieder einmal deutlich vor Augen (oder besser vor Ohren) führt, wie vielfältig diese Welt doch sein kann. John Henry war übrigens ein schwarzer Eisenbahnarbeiter, der anno 1872 beim Tunnelbau mit seinem Hammer gegen eine Dampfbohrmaschine antrat. Er siegte und fiel anschließend tot um. Selbiges ist von Joe Bonamassa hoffentlich noch lange nicht zu erwarten.