Super Colossal

Grob gesagt könnte man die Spezies der Saitenvirtuosen in zwei Gruppen einteilen. Da gibt es zum einen die gnadenlosen Selbstdarsteller Marke Yngwie Malmsteen, denen ihr Instrument nur Mittel zum Zweck zu sein scheint. Und zum zweiten die Gruppe derjenigen, die in erster Linie ihre Musik für sich sprechen lassen. Joe Satriani gehört symphatischerweise zur letztgenannten Fraktion. Ähnlich wie beispielsweise Michael Lee Firkins, den ich ebenso sehr schätze. Vielleicht sind Gitarristen so etwas wie die Torhüter im Fussball. Auch diesen wird oft ein eigenwilliger Charakter nachgesagt.
Mit der Beurteilung rein instrumentaler Alben ist das so eine Sache. Der eine bewertet stärker das handwerkliche Können des jeweiligen Protagonisten, der andere legt sein Gewicht mehr auf die Beurteilung des musikalischen Gesamteindrucks. Dass Joe Satriani was das Handwerk betrifft über jeden Zweifel erhaben ist, sollte längst Fakt sein. Immerhin gingen schon Grössen wie Steve Vai oder Kirk Hammett (Metallica) bei ihm in die Lehre. Bei vielen sicherlich bis heute unvergessen ist sein grandioses Gitarrenduell mit Steve Vai in dem Film „Crossroads“ von 1986.
Mit „Super Colossal“ legt der Mann aus New York jetzt sein inzwischen schon 20. Album vor (rechnet man alle Live-, Best Of- und die legendären G3-Geschichten hinzu). Begleitet wird er darauf von Jeff Campitelli und Simon Phillips, die Drums und Percussion bearbeiten. Alle Gitarren-, Bass- und Keyboardparts spielt der Meister selbst. Ebenso hat er im Team mit Mike Fraser auch die Produktion übernommen. Ich maße mir allerdings nicht an, die 13 Tracks auf „Super Colossal“ nach Schwierigkeitsgraden zu beurteilen.
Musikalisch serviert uns Satriani dabei feinsten Rock, gewürzt mit einer Prise Blues. Der 50jährige bleibt seinem altbekannten Stil treu und das ist mehr als erfreulich. Bei den langsameren Zwischentönen sieht man ihn förmlich mit geschlossenen Augen vor einem stehen und ganz in der Musik versinken. Es ist fast so, als treibe man selbst auf einem Meer von Tönen. Mal schlagen die Wellen hoch, wild und kraftvoll, dann wieder gleiten sie sanft dahin. Das hat Klasse und macht auch nach mehrmaligem Durchhören richtig viel Laune.
Satriani selber umschreibt das so: „In jedem Song gibt es eine Geschichte, viel über Liebe, ein bisschen Neurose, kleine flüchtige Blicke hinter den Vorhang, wo man den Verrückten sieht, der die Knöpfe drückt und all das geschehen lässt. Alles passiert unter dem Schirm des Rock & Roll – aber das ist ein grosser Schirm“. Im Booklet erklärt er darüber hinaus seine Herangehensweise an die einzelnen Stücke, was insbesondere für alle Teilzeit-Gitarristen von besonderem Interesse sein dürfte.
Fazit: Es tut gut festzustellen, dass es auf dieser Welt offensichtlich doch noch Konstanten gibt, auf die man sich verlassen kann. Joe Satriani ist eine davon. Allein dafür hätte er schon die Höchstwertung verdient gehabt.