American VI: Ain't No Grave

Johnny Cash ist seit sechseinhalb Jahren tot. Und doch kann einem diese ganz gewisse Art einer Flaschengeist-Vision des Country Musikers lebendiger denn je erscheinen. Gemeint ist "American VI: Ain’t No Grave", die sechste unter der Supervision von Rick Rubin aufgenommene und fertiggestellte Cash-Platte auf ‘American Recordings‘. Der sechste Teil einer Reihe, die Johnny Cash einer neuen Generation von Musikliebhabern zugänglich machte und im Kanon des Freidenkers aus Arkansas auf ewig einen ganz besonderen Platz haben wird.
Cash nahm viele der Songs nur wenige Tage vor seinem Tod auf. Was sich morbide anhört, ist im Prinzip das genaue Gegenteil. Mit dem baldigen Ende setzt sich der Mann Anfang 70 zwar über alle Maßen hinaus auseinander, aber die Songs verkörpern die letzten Atemzüge eines wahrlich gelebten Lebens wie nichts anderes. Ein Manifest wie "Hurt" fehlt auf "American VI" vielleicht für einige, allerdings kann die sagenhafte Qualitätsdichte des letzten Teils mühelos mit allen vorherigen mithalten. Wer gespenstische Übernummern sucht, findet sie in Form von "Ain’t No Grave" (Claude Ely) – laut LA Times der letzte Song, den Cash in seinem Leben aufgenommen hat – oder der einzigen Eigenkomposition von Cash "I Corinthians 15:55".
Im Hintergrund werkeln u.a. zwei Avett Brothers, Mike Campbell und Benmont Tench. Nie drängt sich die Instrumentenfraktion in den Vordergrund, dieser gehört, wie schon bei allen von Cashs American-Recordings-Platten zuvor, dem Mann aus Kingsland. Mit den Worten von Tom Paxton fragt sich Johnny Cash, wo die Reise wohl hingehen wird. Einer von vielen Momenten, die dieses Album als gerechtfertigten Schlusspunkt manifestieren.
Am Ende von "American VI: Ain’t No Grave" zieht sich der Geist von Johnny Cash langsam in die Flasche zurück und man dreht andenklich den Deckel drauf. Gerade sang uns Cash seine Version des ewigen Goodbyes. "Aloha Oe" (Queen Lili‘uokalani) verweilt noch minutenlang nach dessen Ende im Raum. Das konnte, das kann nur Johnny Cash. Und dank der American-Recordings-Reihe dürfen und durften wir daran teilhaben. Mehr als alles andere sind Cashs Spätwerke sein eindringlichstes Vermächtnis. Wer den zeitlosen Geist singen hören möchte, muss einfach nur den Deckel von der Flasche drehen.