250 Prosent (Live-LP)

Heutzutage kommt es nicht mehr so oft vor, dass Schallplatten veröffentlicht werden. Das alte Format hat aber dennoch wenig an Charme eingebüßt, und so gibt es immer noch Bands, die den alten schwarzen Scheiben huldigen, indem sie Sondereditionen auf LP herausgeben, der intellektuelle Musik-Fan schwärmt immer noch von den guten alten Zeiten und vom unnachahmlichen Sound. Nun gut Â… die norwegische Band Kaizers Orchestra, die besonders für ihre Extravaganz bekannt ist, konnte es sich genauso wenig wie Franz Ferdinand oder die Arctic Monkeys verkneifen, den Fans eine erzieherische Maßnahme angedeihen zu lassen: so ist ihre neue Live-Platte "250 Prosent" auf Vinyl erhältlich. Sie enthält 10 Songs, die Kaizers auf ihrer Frühjahres-Maskineri-Tour aufgenommen haben. Dabei stammt jedes Stück von einem anderen Gig.
Und wat kann dat Ding? Dat: Es geht ziemlich unvermittelt los mit "KBG", dem Opener der vorletzten CD "Maestro". Die Aufnahme klingt überraschend sauber, von Publikum ist bis auf den Applaus am Ende eher nichts zu hören. Kleinere Differenzen zur Album-Version sind eher uninteressant. Zum Glück ändert sich das ziemlich rasch mit dem nächsten Track: "Apokalyps meg", bei dem Frontmann Janove den Text mit viel Ekel und Verzweiflung in der Stimme von sich wegrotzt. Und so vermittelt diese Live-Version endlich auch die Apokalypse-Stimmung, die der Titel verheißt – klingt nach Pest und Cholera. So haben wir's gern! Und so passt auch der Anschluss zu "Container" ganz gut. Es wird dreckig geschrammelt und gewooht, dass es kracht. Mit einem genüsslichen Woooh! geht es über zu "Maestro". Janove klingt betrunken (wäre nicht ausgeschlossenÂ…), was sehr gut zum Lied passt. Man hört das Publikum "Maestro" intonieren und möchte am liebsten mitmachen.
Nachdem der Maestro seinen Hammer geschwungen hat, ist es Zeit für "Dieter Meyers Institusjon" mit dem melancholischen Anfang, dem aufjaulenden Mitteilteil und dem brutalen Ölfass-Solo (ja, viele Ölfässer mussten auf Kaizers Wegen ihre Leben lassenÂ…). Nachdem das Publikum die Band angebettelt hat, endlich in die Psychiatrie eingewiesen zu werden ("Legg meg inn"!), wird es Zeit, zur B-Seite zu wechseln. Es geht weiter mit "Maskineri". Hier kommt sowohl Marimba-Geklimper zum Einsatz, als auch Drehorgel-Musik, mediterrane Klänge und industrielle Sounds, die "Maskineri" zu einem der abgedrehtesten Kaizers-Songs machen. Die einzelnen Soundcollagen kommen in dieser Aufnahme sehr gut durch. Und auch Janove gefällt durch seine spitzbübische Art und die spitzen, zum Kopulieren animierenden Schreie. Daumen und andere Körperteile hoch und dann noch höher für "Volvo i Mexico". Das Gangster Orchester leistet auch hier exzellente Arbeit und spielt eine äußerst tighte Version des Songs.
Zeit für Gefühle bricht dann an mit "Enden av November", das Lied, das den Damen die Tränen in die Augen bringt und die Männer unruhig an ihren Hintern kratzen lässt (weil die nämlich von den Tränen der Frauen peinlich berührt sind). Die Live-Version ist wunderschön wie das Original, vielleicht ist der Gesang noch ein wenig eindringlicher und säuselnder als auf dem Album. Aber jedes Nachspiel hat ein Ende und so geht es dann auf das Ende zu mit Zigeuner-Musik, genauer mit "Sigøynerblod". Nicht meine Tasse Tee, daher kann mich auch die Live-Version nicht vom Hocker reißen. Auch beim letzten Track "170" muss ich leider sitzen bleiben. Die Weinerei um den armen Soldaten mit der Nummer 170 finde ich etwas bescheuert, ist aber sicherlich ein schöner Bonus für die Fans, die in den letzten Jahren den Song auf der Setliste vermisst haben. Die Aufnahme stammt übrigens vom Konzert in Zürich.
Fazit: Gerade die Tracks von "Maskineri" sind die klaren Gewinner dieser Platte, man hört hier, wie sie sich live weiterentwickelt und an Energie dazugewonnen haben. Auch die Maestro-Songs sind größtenteils gelungene Live-Versionen. Gewünscht hätte ich mir noch "Kvite Russer", bei dem das Publikum immer schön mitmachen muss. Aber das gibt es vielleicht bei der nächsten Erziehungsmaßnahme!