Maskineri

Ja, ich liebe Kaizers Orchestra! Seit 2003 tingelt diese Band mit ihrer eigenartigen Mischung aus schrägem Rock und Zigeunermusik durch Europa und versucht ihr Publikum vor allem als bester Live-Act der Welt zu überzeugen. Das Ganze allerdings in einem norwegischen Dialekt, den selbst viele Norweger nicht immer verstehen. Zur Ausrüstung der Band um Sänger und Song-Writer Janove Ottesen gehören mitunter Ölfässer, Pumporgel, Kontrabass, Autofelgen und Kuhglocken. Ihr Debüt „Ompa til du dør“ (Humpa bis du stirbst), der vom Leben im Krieg und der Mafia handelt, ist das meist verkaufte norwegischsprachige Rock-Album.
„Maskineri“ (sprich: Maschinerie) heißt das vierte Studio-Album von Kaizers Orchestra. Es erschien bereits im Februar in allen skandinavischen Ländern und stürmte in Norwegen – oh Wunder - wieder mal die Top-Ten. Solcher Erfolg blieb Kaizers bisher in Deutschland versagt, und höchst wahrscheinlich wird auch das neue Album nur eine kleinere Gruppe von Zuhörern erreichen. Denn das Kaizers-Universum zu betreten ist nicht ganz ungefährlich. Hier ist Arbeiten angesagt. Wer Easy Listening oder den handelsüblichen skandinavischen Rock erwartet, wird hier enttäuscht. „Maskineri“ bietet - um dem Cover der CD thematisch gerecht zu werden - weder Glamour noch Popcorn-Kino, sondern Film Noir und Arthaus-Ware. MTV-Junkies und No-Angels-Voter go home!
Los geht es harmlos mit dem relativ leicht verdaulichen Stück „Moment“, das ursprünglich „Du og dine“ hieß und zu den älteren Songs der Platte gehört. Es ist ein tanzbarer, melodischer Song zum Mitklatschen, Tanzbeinschwingen und „Woooh“ Rufen. Noch ahnt man nichts Böses, aber schon beim zweiten Stück „Apokalyps meg“ kehren Kaizers ihren Blick all dem Elend dieser Welt zu, und das sowohl musikalisch als auch textlich. Janove singt von Himmel und Hölle und beschwört den Weltuntergang herauf, während die Gitarren elegisch heulen und lärmen. Die Talfahrt der Gefühle geht im nächsten, viel ruhigeren Titel „Den andre er meg“ weiter. Er kommt unheimlich melancholisch daher und wird durch den zusätzlichen weiblichen Gesang von Ragnhild, der Frau des Gitarristen Terje alias Killmaster Kaizer, erst recht zum Weltschmerz-Lied. Das Ich des Stücks ist ein Außenseiter, der sich von Gott und der Welt verstoßen fühlt und mit großen Schritten seinem Ende entgegen schreitet. Heulfaktor 10!!
Mit Bläsern, schiefen Tonleitern und subtilen Dub-Rhythmen präsentiert sich „Bastard Sønn“, Janoves Stimme erreicht die ganz hohen Lagen, überschlägt sich und versprüht trotzdem eine südländische Unbeschwertheit, die sich mit dem eher sarkastischen Text beißt. Mit Marimba und industriellen Klängen setzt dann das Herzstück des Albums „Maskineri“ ein. Auf einen melodisch-wehmütigen Gesang folgt ein knatschig klingender Refrain mit Reggaeton-Anklängen und Dreh-Orgel Untermalung, der wiederum von mafiös daherwehenden Gitarren gefolgt wird. Der Song endet genauso schizophren, wie er begonnen hat und macht Platz für „Toxic Blod“, dessen wabernde Keyboard-Läufe an Ufo-Filme der 50er Jahre erinnern und in dessen Szenerie eine Katze Schinken brät und ein Hund auf den Zehen steht. Hier war der andere Gitarrist und Neben-Songwriter Geir, alias Hellraizer Kaizer, am Werk, dem die Musikwelt mitunter den Klassiker „Dr Mowinckel“ zu verdanken hat.
Anschließend geht es etwas gefälliger weiter. „9 mm“ handelt von einem Revolverhelden, dessen arrogantes Selbstverständnis sich in den recht klaren und rotzig-rockigen Strukturen des Songs widerspiegelt. Arschwackeln und „Revolver“-Schreien ist hier ein Muss! Allerdings nur bis einen die orientalischen Klänge von „Volvo i Mexico“ zurückholen. Bis auf die Tatsache, dass der Text weder mit Volvos noch mit Mexico zu tun hat, handelt es sich hierbei um einen durchaus ohrwurmträchtigen Song, in dessen Refrain Janoves Gesang teilweise Nirvana-mäßig ausartet. Anschließend setzt das bedächtige Piano von „Enden av November“ dem bunten Treiben ein abruptes Ende. Zwar kommt der Rhythmus leichtfüßig daher, aber Gesang und die melancholische Gitarre erzählen eine andere Geschichte. Ein Mann teilt seiner Geliebten mit, dass er nur noch bis Ende November zu leben hat. Ja, die Welt ist ein dunkler Ort …
Wer es noch dunkler mag, kommt mit „Med en gang eg når bånn“ auf seine Kosten. Im Gespräch mit dem Wind singt ein Mann von seinem leisen Abschied vom Leben mitten auf dem Meer ... Vielleicht ist es manchmal ganz gut, kein Norwegisch zu können, denn rein musikalisch könnte es sich hierbei auch um ein Liebeslied handeln, aber bei Kaizers gibt es eben nun mal keine Liebeslieder im klassischen Sinne. Auch nicht beim 11. Track des Albums „Kaizers 115. Drøm“, das düster polternd und bedrohlich daherkommt. Der krönende Abschluss dieses psychotischen Albums ist schließlich „Ond Sirkel“, dessen schiefe Melodien an dunkle Hinterhöfe und Kleingaunerfilme erinnern. Und auch hier wird Janoves Faible für Nirvana im Refrain hörbar (Stichwort: „In Bloom)“, allerdings vergeht das kurz einsetzende Grunge-Feeling durch die Bläser und die Drehorgel-Musik.
Fazit: Janove und sein Gefolge wühlen sich hier thematisch wieder durch Höllen-, Mord- und Suizid-Szenerien, beleidigen und pervertieren alle möglichen Musik-Genres, indem sie sie in einen Topf werfen und einmal durch den kaizerlichen Fleischwolf drehen. Aber Achtung! Wer glaubt, dass man sich nach dem Genuss von „Maskineri“ eine Kugel durch den Kopf jagen muss, liegt falsch. Trotz all der kranken und schiefen Töne, schaffen Kaizers das Unglaubliche: Man fühlt sich am Ende eher erfrischt und beflügelt. Ob das nur das Zeichen der eigenen Schizophrenie ist, weiß ich natürlich nicht …
Einen halben Punktabzug gibt es für das zu Tode bearbeitete Cover-Artwork in Sin City Optik. Auch die alberne vollbusige Blondine in Strapse und Gasmaske kommt leider ziemlich billig daher. Naja, don’t judge a CD by its cover, würde ich mal sagen.