Poetry For The Poisoned

Man hat es in bestimmten Metal-Kreisen nicht leicht als Kamleot-Fan, steht doch die Band für Epic/Opera-Metal der Marke Nightwish und Co., die nicht jedermanns Geschmack sind. Auch Roy Khans bisweilen theatralischer Gesang gefällt nicht jedermann. Die Band veröffentlicht aber seit Jahren in regelmäßigem Abstand erfolgreiche Alben, darunter aufwändig produzierte Konzept-Alben, mit denen sie sich eine treue und stetig wachsende Fan-Gemeinde erspielt hat. Die Veröffentlichung des neunten Studioalbums der Band hat lange genug gedauert. Die "Great Pandemonium" Tour ist längst vorbei und Kamelot-Fans fiebern seit Monaten mit großen Erwartungen dem neuen Album "Poetry For The Poisoned" entgegen, das lange auf sich warten ließ. Nun ist es endlich da!
Der Opener "The Great Pandemonium" beginnt mit einem an den Song "Karma" erinnernden Sirenengesang, der von einem treibenden Riff abgelöst wird. Dunkel geraunte Sprechparts leiten Roy Khans melodischen Gesang ein, der Refrain ist sehr eingängig, aggressive Growls von Soilwork’s Frontmann Björn "Speed" Strid und ein furioser Instrumentalteil runden den Track ab: ein richtiger Ohrwurmsong. Auch der zweite Track "If Tomorrow Came" geht dynamisch los, dann wird der Rhythmus schwer zurückgenommen, orientalisch anmutender Gesang und ein sphärischer Refrain machen den Song zu einem musikalischen Genuss. Gefällt, weil trotz der zwischendurch ausbrechenden aggressiven Parts Melodie und Gefühl durchkommen.
"Dear Editor" ist ein Zwischentrack, bei dem eine etwas verzerrte, unheimliche Stimme den letzten Brief des amerikanischen Serienkillers Zodiacs an den Redakteur einer Zeitung vorliest. Das kurze Stück geht über in den fast doomigen und düsteren Song "The Zodiac", in dem niemand geringerer als Jon Oliva die aggressiven Parts übernommen hat. Majestätische und mächtige Dunkelriffs und ein bedächtiges Gitarrensolo machen den Track zu einem gothisch angehauchten Hörgenuss.
"Hunter’s Season" beginnt recht sphärisch, um dann melodisch und temporeich loszulegen, es werden typische Kamelot-Riffs und typischer Khan-Gesang geboten, woran nichts auszusetzen ist. Der Song wirkt trotz des ungewohnt frickeligen Gitarrensolos ein wenig wie ein Mosaik aus altbekannten Songs und lässt ein wenig an Originalität vermissen. "House On A Hill" ist ein Duett von Khan mit der Kamelot-Fans von älteren Werken bekannten Sängerin der Band Epica, Simone Simons. Die beiden Gesangsparts werden in der Ballade zu einem melancholisch getragenen Stück verwoben. Sehnsucht und Weltschmerz werden heraufbeschworen, hohe, epische Gitarren schalten sich hier und da ein, es geht insgesamt sehr romantisch zu. Für meinen Geschmack ist das Stück ein wenig nichtssagend.
Interessant wird es dafür wieder mit dem nächsten Track "Necropolis", mit dem wir wieder das Reich des Bösen betreten. Khans einlullende Stimme und hämmernde Drums, die ein wenig an "March Of Mephisto" erinnern (ohne allerdings die destruktive Wucht dessen zu besitzen) kriechen schlangengleich in die Gehörgänge. Verspielte Riffs, die von Spielfreude zeugen, setzen dem Ganzen eine progressive Note auf. "My Train Of Thoughts" beginnt mit Fetzen von Streichermusik, Publikumsapplaus, gefolgt von einem vorbeifahrenden Zug, die Streicher nehmen bedrohliche Formen an, Khans mahnender Gesang und ein eingängiger Refrain bilden einen durchaus soliden Song. "Seal Of WovenYears" wird mit Kirchenglocken eingeläutet, breite Keyboard-Sounds, dann wieder düstere, stakkato-artige Streicher, bis der Song wieder an Fahrt aufnimmt, um von Khans getragenem Gesang unterbrochen zu werden. Mit seinen recht klassischen Gitarren hat der Song super Ohrwurmqualitäten.
Das Herzstück des Albums bildet der vierteilige Titeltrack" Poetry For The Poisoned". Im ersten Teil "Incubus" geht es textlich um Verführungen und Verlockungen, die ins Verderben führen, was sehr schön musikalisch umgesetzt wird. Eine Stimme erklärt, was der Incubus ist, und woran man merkt, dass man von diesem besessen ist. Part Zwei "So Long" ist ein Midtempo-Stück, bei dem Gastsängerin Amanda Somerville Khans Gesang wunderbar ergänzt. Dann geht es etwas rockiger weiter mit "All Is Over", bei dem sich weibliche Gesangsparts, Chöre und Khan einen Kampf liefern. Beim letzten Teiltrack "Dissection" kommen sehnsuchtsvoller Gesang und quirlige Gitarrenparts zum Tragen und bilden einen stimmigen Abschluss der Tetralogie. Der letzte Song "Once Upon A Time" ist wieder so kamelotisch, wie es kamelotischer nicht sein kann, inklusive Mitsingrefrain und khanischem Dramagebaren. Nett und gefällig, wenn auch keineswegs langweilig.
Fazit: "Poetry For The Poisoned" ist ein grundsolides Album, das für die lange Wartezeit entschädigt. Auch wenn hier und da einiges einfach nur aufgewärmt zu sein scheint und einige Textfetzen und Melodien an Altbekanntes erinnern, so besitzt das Gesamtwerk die Kreativität und die Kraft, die man von Kamelot gewöhnt ist. Youngbloods Gitarrenarbeit ist wieder makellos, die Arrangements anspruchsvoll und perfekt umgesetzt, Khan glänzt durch seine ausdrucksstarke und unverwechselbare Stimme, und die Gastmusiker tun ihr Übriges, um dem Album ein Krönchen aufzusetzen. Vielleicht ist diese Perfektion aber gerade die Gefahr bei Kamelot: Ich würde mir wünschen, dass Khan und Co. sich noch weiter in die experimentellen Gefilde hineintrauen und es wagen, neue Wege einzuschlagen. Das Festhalten an einem Erfolgsrezept kann nur zu schnell dazu führen, dass die Musik in Belanglosigkeit abdriftet. Das wäre zu schade für eine Band mit so viel Potenzial...