Osterholz-Scharmbeck

Der Bundesvision Song Contest wirft seine großen Schatten voraus. Stefan Raab hat es geschafft, seine Veranstaltung so zu etablieren, dass manche der beteiligten Bands ihre Veröffentlichungen nach dem Sendedatum ausrichten. Kein Wunder: Es gibt einen Werbeauftritt bei "TV total", eine Compilation zum Contest und den Auftritt selbst, bei dem jede Band ein Bundesland vertritt.
Die Kleinstadthelden werden das Bundesland Bremen vertreten, wobei die Kleinstadt Osterholz-Scharmbeck mit 30.000 Einwohnern eigentlich zu Niedersachsen gehört. Aber man will ja nicht kleinlich sein. Extremst mutig ist es dann auch, die zweite CD nach eben dieser Stadt zu benennen. Oder einfach offensichtlich. Wer in einer Stadt mit solch geilem Namen lebt, muss irgendwann ein Album danach benennen. Zwangsläufig.
Die Kleinstadthelden waren bereits mit Silbermond, New Model Army und Nena unterwegs. Das adelt. Und der eigenständige Sound zwischen großen rockigen Tönen und Melancholie (ein Schelm, wer da laut "Emo" ruft), hat dem Debüt "Resignation und Aufstehen" gut zu Gesicht gestanden. Jetzt legt man noch eine Schippe drauf und verwendet insgesamt lautere Töne. "Trash Pop For Truckers In Love" lautet das leicht absonderliche Motto.
"Rennen" prescht laut nach vorne und lädt zum Mitrocken ein – intelligente Texte inklusive. "Dass blaue Augen nicht nur schön sind, wissen wir, seitdem sie weh tun." Jau. Auch der mehrstimmige Gesang klingt wohlig in den Ohren. "Tick Tack" treibt ebenso mit Gitarren und Drums weiter. Ein lockerer Song über die Eintönigkeit des Alltags. Dann folgt "Indie Boys", das beim Bundesvision Song Contest glänzen soll. Fällt in meinen Augen nach dem Eröffnungs-Duo etwas ab, glänzt aber mit Spielfreude und Ohrwurm-Refrain. Beim Contest muss man in wenigen Minuten punkten, könnte also funktionieren.
Ich horche auf bei den akustischen Klängen von "Nicht nur". Vor allem die filigranen Percussion-Elemente schaffen stimmungsvolle Atmosphäre. Ein starker, ruhiger Song. Simon Lam und Felix Weidenhöfer ergänzen sich wunderbar im Gesang. Die harmonische Basslinie verleiht dem Song viel Tiefe. Schön so. "Winter im Juli" zeigt sich wieder rockiger und baut seine Geschichte auf die Sichtung einer Taube am Fenster auf. Auch danach dreht es sich um "Vögel" – und verdorbene Milch ("Gegen Kälte hilft ein Pelz, den sie jetzt trägt"). Einer der schrägsten Liebesbeweise, der je in Worte gefasst wurde.
Die Ballade "Blutsbrüder" nimmt das Tempo wieder zurück. Verklärt und romantisch. Ebenso das traurige "Mein Freund". Zum Abschluss erklingt die Pianoballade "Wofür? Egal!" – ein Song vom Abschiednehmen. Melancholisch, anrührend und einfach stark.
Die Kleinstadthelden machen großen Spaß, geben sich wortgewandt und decken ein breites Spektrum ab. Eigentlich sollten sie ihren Platz zwischen Revolverheld, Madsen und Viriginia jetzt! schon längst gefunden haben. Der letzte Impuls fehlt wohl noch – bleibt zu hoffen, dass der Bundesvision Song Contest diesen Funken liefert.