Liars

Sisterworld

Veröffentlicht: 05.03.2010 / Mute / EMI

Von: Pascal Kraus

Liars

"Ist das jetzt Kunst? Ich weiß das schon gar nicht mehr!" sagt ein desillusionierter Andy Warhol zu seinem Künstlerfreund und Ziehsohn Jean-Michel Basquiat beim Betrachten von dessen neuestem Gemälde. Das hätte er die letzten Jahre auch zu den Liars sagen können, die wären in seiner "Factory" damals sicher gut aufgehoben gewesen. In der aktuellen Welt der Schwester präsentieren sich die "Liars" heute erstaunlich eingängig im Verhältnis zu ihrer Band-Historie.

In Kalifornien vom australischen Auswanderer und Sänger Angus Andrew und Gitarrist Aaron Hemphill gegründet, verschlägt es das Künstlerkollektiv bald in die Stadt, in der Warhol seine Ergüsse auf Leinwand brachte: den Schmelztiegel New York. Schon bald debütiert die punkige elektrische Freakshow auf einem kleinen Label mit ihrem ersten Album "They Threw Us All In A Trench And Stuck A Monument On Top". Alles klar? Die Live-Performance dieser Kerle ruft 2001 den Blast First-Chef Paul Smith auf den Plan und die Band bekommt einen Vertrag bei Blast First / Mute. Fortan teilt man sich bald die Bühne mit Kollegen wie der John Spencer Blues Explosion und schließlich auch Sonic Youth, die Noise-Rock/Independent-Helden der alternativen Musikszene der späten 80er bis heute.

Mit dem zweiten (Konzept)-Album "They We´re Wrong So We Drowned" beschreibt die Band einen wilden Hexenritt in der Walpurgisnacht. Es folgt noch das minimalistische Werk "Drum´s Not Dead" und "Liars". Längst hat sich aus dem Anfangsgebilde ein Trio mit Julian Gross am Schlagzeug herausgeschält und längst ist Berlin zur Brutstätte neuer eruptiver Klangkaskaden geworden. Das letzte selbstbetitelte Album ist eine verstörte Annährung an ein künstlerisches Selbstverständnis, noch weit entfernt von irgendeiner Massenkompatibilität.

Und jetzt ist das neue Alien geboren, direkt aus dem Bauch herausgeplatzt. Hinein in eine Welt aus eigenem Fleisch und Blut: "Sisterworld". Die dissonanten Grenzen werden hier und da noch immer ausgelotet und entziehen sich nicht selten der Logik konventioneller Rockmusik. Da werden Elemente der klassischen Musik in einem Coitus interruptus zu elektronischen Soundfetzen degeneriert und hineingestickt. Unsichtbare Nähte. Aus einem meditativen Chorgesang in "Scissor" spuckt den Hörer ein Ausbruch an Tönen entgegen und hallt in Trance durch den Raum. Intensiv ist das.

Die Musik der Liars auf diesem Album nimmt den Hörer mit auf einen Spaziergang mit Burroughs durch die engen Gassen von Tanger und das Pfeifen und Fiepen immer im Gehörgang, als würden sich kleine Krabbeltierchen in ihm winden.

Es knurrt und raunt und die Metamorphose eines Jim Morrison und Nick Cave predigt zärtlich die Songs in die Dunkelheit des Hexenwaldes. Bei "Here Comes All The People" twangt sich sogar eine Surfgitarre durch die verstörenden Wogen eines Sinfonieorchesters. Paranoide Klanggebilde und hypnotische Intensität mit dem "Drip" eines tropfenden Wasserhahns. Da stehen brodelnde Töpfe auf offenem Feuer und brauen einen Sud sechziger Surf-Beat mit dunkelgefärbten Harmonien roher Punk-Attitüde.

Nach einem Innehalten, um die Bilder im Kopf scharf zu stellen, baut sich "Goodnight Everything" mit Gebläse bombastisch auf und schleppt sich beschwörend dem Ende entgegen. Düster, langsam und eindringlich bahnen sich die Songs auf "Sisterworld" den Weg aus ihren Kellerverliesen empor nach oben in das helle Sonnenlicht. Vorbei das Versteckspiel. Es wird Zeit aus der Unterwelt heraus zu kommen. Blinzelnd strecken diese elf Stücke ihre Hände aus und warten darauf, dass man sie ergreift.

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