A Thousand Suns

Mit etwas Verspätung darf ich nun doch noch dem neuen Werk von Linkin Park ein Ohr widmen, welches natürlich längst (in Entsprechung zu "Meteora" und "Minutes To Midnight") die Chartspitzen in aller Welt erobert hat. Macht das Wissen darum die Review nun einfacher oder schwieriger? Zumindest hat die Mischung aus Nu Metal und Crossover in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit erregt, dass die Fans auch dieses Mal blind zugreifen. Mit Recht!
Dabei startet "A Thousand Suns" überraschend ruhig: So gibt es das sanfte Intro "The Requiem" und das gesprochene Zwischenstück "The Radiance". Ein Konzeptwerk also, da sich die Atomkraft-Thematik auch im Albumtitel wiederspiegelt. Weil ich ein Freund inhaltlich durchdachter Werke bin, kann ich mich auch damit anfreunden, dass hier Robert Oppenheimer kurz zu Wort kommt, bevor mit "Burning In The Skies" der erste echte Song des Albums folgt. Zugegebenermaßen alles andere als ein "Burner" – eher ein melancholisches Vorgeplänkel, dem sich mit "Emptys Spaces" ein weiteres Zwischenspiel anschließt.
Erst "When They Come For Me" geht endlich in die Vollen. Harte Klänge gepaart mit Rap und Weltmusik-Elementen lassen aufhorchen und der monotone Gesang Chester Benningtons ist durchaus mitreißend. "Robot Boy" und "Waiting For The End" sind rockig, aber zugleich im Mainstream verankert. Könnte man sich als Radiohits vorstellen. Das sind Stücke, die absolut unter die Haut gehen und mit Sicherheit auch kommende Live-Konzerte bereichern werden.
Es gibt noch weitere Spoken Words: "Wretches And Kings" hat nicht nur satte Beats, sondern auch Worte des Bürgerrechts-Aktivisten Mario Savio zu bieten. Dazu einen Sound, der mit Rap-Einlagen und aggressiven Vocals die Vergangenheit von Linkin Park gekonnt aufleben lässt. Und "Wisdom, Justice, And Love" wartet mit dem oft bemühten Martin Luther King auf. Die elektronischen Elemente dürften nicht jedermanns Sache sein, doch sie verleihen den bedeutungsschwangeren Worten durchaus an Gewicht.
"Iridescent" lädt mit balladesken Klängen wieder zum Nachdenken ein, während "The Catalyst" durch seine vielfältigen Vokalpassagen besticht. Diese erste Auskopplung zeigte schon deutlich, dass das neue Werk sich von seinen drei Vorgängern unterscheiden wird. Für viele negativ, für manche aber auch äußerst positiv. "The Messenger" als Abschlusstrack sorgt zwar nicht für ein rockiges Aha-Erlebnis, lässt aber das Album gefühlvoll ausklingen und macht damit durchaus Sinn (wie weiland "Made Again" bei Marillions großem, verstörenden Konzeptwerk "Brave", das die Zuhörer aus der düsteren Atmosphäre befreite).
"A Thousand Suns" sollte man nicht zerstückeln. Es ist ein Album, das komplett gehört werden muss, mit allen atmosphärischen Anhängseln und Einsprengseln. Sonst besteht die Gefahr, dass man sich in der Kritik an Details verliert. Wer dem nichts abgewinnen kann, muss sich halt den Songs von "When They Come For Me" bis "The Messenger" widmen und alle Zwischenspiele rausschneiden. Aber die Tiefe und emotionale Stärke, die dieses Konzept werk ausmachen, würde man damit definitiv verpassen.