Songs From Black Mountain

Drei Jahre sind seit dem letzten Studioalbum von Live „Birds Of Pray“ inzwischen vergangen. Eine Zeit, die Sänger Ed Kowalczyk nach eigener Aussage dazu nutzte, um seine „schöpferische Energie als etwas Weibliches zu erfahren, ich schrieb Songs an meine Muse. Wenn die Leute sich die Stücke anhören, hören sie vermutlich zunächst eine Liebesgeschichte zwischen einem Mann und einer Frau, aber für mich geht das tiefer“.
Nun, wenn ich mir die Stücke auf „Songs From Black Mountain“ so anhöre, müsste ich Kowalczyk demzufolge eigentlich ein ziemlich verqueres Frauenbild unterstellen. Denn die zwölf Songs sind von einer tiefempfundenen weiblichen Energie ungefähr so weit entfernt wie Amerika vom Mond (auch wenn sie behaupten schon mal dagewesen zu sein). Das hier klingt nämlich entweder so belanglos wie diese aufgestylten Schönheiten aus diversen Hochglanzmagazinen oder wahlweise bieder wie ein Heimchen am Herd.
Dabei geht es mit der ersten Singleauskopplung „The River“ eigentlich noch ganz gut los. Obwohl der Refrain mit seinem La-La-La schon die Richtung des Albums anzeigt. Aber das weiß man zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Spätestens beim darauf folgenden „Mystery“, einer dahinsäuselnden Popnummer mit klebriger Melodie, runzelt man dann zum ersten Mal die Stirn. Äh, ich dachte immer Live seien eine Rockband. Jedenfalls ließen ihre bisherigen sechs Alben derartiges vermuten.
Live selbst bezeichnen „Songs From Black Mountain“ als so etwas wie einen Neuanfang. Das hätten sie besser gelassen! Wobei ich mich frage, für was der eigentlich gut sein sollte. Dass dies alles andere als eine sinnvolle Idee war, macht insbesondere „Get Ready“ auf schmerzhafte Art und Weise deutlich. Der Song hat allenfalls Castingshow-Niveau. Ganz schlimm! Auch der Text strotzt nur so vor Peinlichkeiten. Kostprobe gefällig? „The future is now, the past is gone forever, we belong together“.
Leider wird es auch im weiteren Verlauf nicht wesentlich besser. „Sofia“ beginnt wie die Titelmelodie einer dieser alten amerikanischen Krimiserien und hätte auch Simply Red zur Ehre gereicht. „Love Shines“ versprüht altbackene Lagerfeuerromantik und lässt mich an die seligen Bellamy Brothers denken. In „All I Need“ haben Live ihre alte Bontempi-Orgel wieder aus dem Keller geholt. Ed Kowalczyks Stimme, der ohnehin jegliche Power früherer Tage abhanden gekommen zu sein scheint, schafft es kaum in die höheren Tonlagen. „You Are Not Alone“ eignet sich bestenfalls als Hintergrundmusik für einen Werbespot über Kaugummi und auch „Home“ ist ein einziges austauschbares Tralala.
Bei soviel harmlosem Einheitsbrei und textlichen Plattitüden bleibt leider nicht mehr viel Positives übrig. „Show“ und „Wings“ beweisen immerhin, dass Live ihre Gitarren zumindest noch nicht völlig zum Sperrmüll gegeben haben. „Where Do We Go From Here?“ kann ebenfalls noch halbwegs glänzen, obwohl Kowalczyk es auch hier nicht lassen kann ständige „Ohs“ und „Yeahs“ einzustreuen. „Night Of Nights“ sorgt zumindest noch für einen halbwegs versöhnlichen Abschluss. Das einzige Stück das nach Live klingt. So wie wir sie eigentlich kennen und mögen.
Ich fürchte, nach „Songs From Black Mountain“ ist es mit meiner Vorliebe erst einmal vorbei. Für mich ist das Album die bisher grösste musikalische Enttäuschung des Jahres. „Lieder wissen selbst, wie sie klingen wollen – man muss nur zuhören“, sagt Ed Kowalczyk. In diesem Fall fällt das verdammt schwer!