Sticks And Stones

Es ist ein oft gepflegtes Vorurteil, dass sich sogenannte „Jam-Bands“ gar nicht mehr die Mühe machen Studioalben aufzunehmen – und wenn sie dies tun nur lauwarme Sessions dabei herausspringen. Das Paradebeispiel für innovative und etwas andere Studioausflüge von derartigen Bands sind moe. - mittlerweile zum Quintett angewachsen begibt sich die Ende der 80er in Buffalo gegründete Combo in absehbarer Regelmäßigkeit ins Aufnahmestudio und überrascht immer wieder mit neuen Ideen. „Wormwood“ (2003) wurde z.B. aus einer Art Symbiose aus Studiotakes und Livematerial kreiert und „The Conch“ (2007) überraschte mit allerlei kleinen Interludes und Spielereien zwischen den eigentlichen Songs. Nur knapp ein Jahr dauerte es bis „The Conch“ nun einen Nachfolger bekommt. „Sticks And Stones“ ist das neunte reguläre Studioalbum von moe.; im besonderen konzentrierte man sich diesmal auf einen äußerst spontanen Songwritingprozess und das Element, das der improvisierfreudigen Truppe von je her als Soundfundament dient: Rock and Roll.
Direkt nach dem bandeigenen „moe.down“-Festival – das 2007 zum achten Mal ausgetragen wurde und bei dem Jahr für Jahr Größen der Szene zusammenkommen – ging es im Spätsommer des letzten Jahres in den abgelegenen Westen von Massachusetts, um in der Abgeschiedenheit am neuen Studioalbum zu feilen. Acht der zehn Songs von „Sticks And Stones“ wurden erst vor Ort geschrieben und sind ein ziemliches Novum für die Band, denn eigentlich testete man in der Vergangenheit neues Material immer zuerst vor Livepublikum bevor es ins Studio ging. Eben dieses Studio stellte bei „Sticks And Stones“ eine 150 Jahre alte Kirche dar. Das perfekte Umfeld für Rob Derhak (Bass, Lead Vocals), Chuck Garvey (Gitarre, Lead Vocals), Jim Loughlin (Percussion), Al Schnier (Gitarre, Lead Vocals) und Neuling Vinnie Amico (Drums), um gemeinsam an den Stücken zu arbeiten. Produziert wurde die neue Platte zusammen mit John Siket (u.a. Phish, Sonic Youth) und die im Booklet sehr gut rüberkommende Kirchenatmosphäre wirkte sich spürbar auf die zurückgenommene Eleganz der Songs aus.
Die beiden ersten Tracks der neuen Platte, „Cathedral“ und „Sticks And Stones“, geben dem Hörer unmissverständlich vor wohin die Reise auf moe.’s neuntem Album gehen wird. Es wird eine Reise zu dem im CD-Tray abgebildeten Ursprung. „Darkness“ überzeugt mit 70’s Harmoniegesang und ist einer von vielen Bezugspunkten (hier zu Crosby, Stills & Nash) die auf moe.’s Wurzeln schließen lassen. Sei es Gram Parsons („Conviction Song“), die angesprochenen C, S & N oder Steve Miller und Konsorten („Deep This Time“), selten konnte man moe.’s musikalische Einflüsse genauer erkennen. Die Band konzentriert sich aufs Wesentliche und liefert Melodien ab, die für ihre Verhältnisse äußerst eingängig und geradlinig daherkommen. Mandoline, Vibraphon und Streicher fehlen zwar auf „Sticks And Stones“ nicht, sie bleiben aber – wenn vorkommend – jederzeit dezent im Hintergrund.
Speziell die zweite „Sticks And Stones“-Hälfte – die mit dem Instrumental „ZOZ“ eingeleitet wird – bietet mit „All Roads Lead To Home“, dem elegischen „September“ und „Queen Of Everything“ genau das was man sich von moe. irgendwie immer schon gewünscht hat: präzises und konstant über eine gesamte Platte verteiltes Songwriting. Bei derartigen Rockgeschichtszitaten – wie beim bereits erwähnten „All Roads Lead To Home“, dem stärksten Song des Albums – fühlt man sich fast ein wenig an die Black Crowes erinnert. Einzig der letzte Track, das mit der Unterstützung von Umphrey’s McGee eingespielte „Raise A Glass“, kommt einem auf dem Album etwas verloren vor. Die Irish-Folk-Nummer passt nicht richtig ins Plattengefüge und ist moe.-Neuland. Live wird der irische Gassenhauer aber bestimmt viele Anhänger finden, partytauglich ist er nämlich allemal; er passt nur einfach nicht so ganz auf „Sticks And Stones“.
Egal ob man die Musik von moe. als Jam-, Progressive- oder Alternative-Rock einordnet; mit „Sticks And Stones“ ist dem Quintett eine handfeste Rock and Roll Platte gelungen, die endgültig mit dem Vorurteil aufräumen sollte, dass Bands dieser Art keine stimmigen Studioalben produzieren können (oder wollen). Keine 15 bis 20-minütigen Jamausflüge, sondern das Auge für den Song und präzise Strukturen prägen den auf dem bandeigenen Label „Fatboy Records“ veröffentlichten Longplayer. „Sticks And Stones“ besteht aus zehn rauen, schnörkellosen und ehrlichen Rocksongs – ganz so wie es sein soll. Ich bin gespannt was sich moe. für Album Nummer zehn einfallen lassen.