Lifeline

Tausendsassa Neal Morse hat wieder zugeschlagen. Seit seiner religiös motivierten Trennung von den Progressive Rockern Spock’s Beard erscheint kontinuierlich in jedem Jahr ein neues Studioalbum, beginnend mit dem ersten autobiographischen Werk „Testimony“ über das christlich geprägte „One“, das progressive Highlight „?“, ein Coveralbum im Jahr 2006 und das letztjährige Konzeptwerk „Sola Scriptura“, das sich dem Leben Martin Luthers widmet. Diese Progrock-Alben mit religiösem Hintergrund bilden das Hauptwerk – und daneben erscheinen zudem regelmäßig CDs im Stil eines christlichen Liedermachers, die vor allem über die Plattenfirma und Konzerte verkauft werden. Morse tritt neben seinen normalen Konzerten auch regelmäßig zu Lobpreis-Abenden in Kirchen und Gemeindezentren auf. Die Abkehr von einer Band, die als Speerspitze des Prog fungiert, wurde von vielen sehr kritisch betrachtet und auch die ausschließliche Auseinandersetzung mit christlichen Themen löst nicht überall in der Szene Wohlgefallen aus. Ich persönlich muss aber sagen, dass mir die Konsequenz, mit der Neal seinen neuen Weg geht, imponiert. Und auch das musikalische Ergebnis kann sich immer wieder sehen lassen, wie man an dem neuen Studiowerk oder aus Konzerten wie dem umjubelten Auftritt bei Night Of The Prog 2008 ersehen kann.
Auf der Loreley wurde der Titeltrack des neuen Albums bereits vorgestellt und begeistert aufgenommen. Das Albumcover sagt mehr als tausend Worte: Neal besingt die Rettungsleine, die ihm von Gott zugeworfen wurde. Diesmal ist es zwar kein Konzeptalbum geworden, doch die Thematik einer Beziehung zu Gott zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk. Der Opener „Lifeline“ ist Prog pur und lebt von einer Vielschichtigkeit, die mit einer verträumten Pianopassage beginnt und nach einem rockigen Übergang die Herzen der Proggemeinde höher schlagen lässt. Neal Morse und seine instrumentalen Weggefährten Mike Portnoy und Randy George ziehen alle Register ihres Könnens und bieten einen perfekten Longtrack von fast 14 Minuten, der an die Spock’s Beard der „V“-Ära und an die Supergroup Transatlantic erinnert. Mit vielen Retro-Elementen transportiert Neal den Sound der 90er überzeugend in die Gegenwart.
Auch der zweite epische Track des Albums „So Many Roads“ beschreitet in sechs Abschnitten unterschiedliche musikalische Welten, die in knapp 30 Minuten Länge die Lebensgeschichte Neals beschreiben und sicher sein bisher intimstes Stück bilden dürften. Hymnische Passagen wechseln mit sanften Melodieläufen, es gibt starke rockige Elemente und zumindest ansatzweise mehrstimmige Vokalarrangements. Mit beiden genannten Songs hat Morse sich ein neues Vermächtnis geschaffen und die vielleicht besten Stücke seiner bisherigen Solokarriere abgeliefert.
Die weiteren Songs des 70minütigen Longplayers fallen deutlich kürzer aus und bieten dementsprechend kurzweilige Unterhaltung. „The Way Home“, „God’s Love“ und „Children Of The Chosen“ kommen ruhig und größtenteils akustisch daher. Vor allem letzterer besticht aber durch hymnische Chorpassagen, die in Ansätzen an die guten alten Zeiten von „Snow“ erinnern. „Leviathan“ zeigt Neal von einer ungewohnt harten Seite und mit dem sanften Schlusstitel „Fly High“ schließt sich der Kreis und lässt den Selbstfindungsprozess des Vokalisten versöhnlich zu Ende gehen.
Neal Morse hat mit „Lifeline“ ein weiteres Meisterwerk abgeliefert, das mir fast noch besser gefällt als die bombastische Linie des Vorgängers. Um das abschließend beurteilen zu können, muss ich wohl beide Werke noch etwas länger wirken lassen. Progfreunde dürfen jedenfalls getrost zugreifen – am besten bei der Special Edition mit Bonus-CD, die mir allerdings momentan nicht zur Beurteilung vorliegt.