So Many Roads (3 CD)

Eine der großen Überraschungen des vergangenen Jahres war ohne Zweifel die Rückkehr von Neal Morse zu Transatlantic und damit die von vielen herbei gesehnte Wiederauferstehung der Supergroup mit Mitgliedern von Dream Theater, Marillion und den Flower Kings. In den letzten Jahren hat der Kalifornier vor allem durch eine unendliche Anzahl von Solo-Veröffentlichungen von sich reden gemacht. Schließlich verwöhnte er nicht nur die Progszene mit ausschweifenden, epischen Ergüssen, sondern er beglückte auch die christliche Gemeinschaft mit religiös geprägten Alben und fütterte zugleich die stetig anwachsende Fangemeinde mit speziellen Veröffentlichungen aller Art. Gar nicht so leicht, da den Überblick zu bewahren. Live gibt es zudem stets Auszüge aus dem großen Backkatalog als Leadsinger von Spock’s Beard und Transatlantic. Das Classic Rock Magazine zählt Neal Morse zu den "100 Greatest Frontmen Of Rock" – und diesen Titel werden ihm wohl auch die vielen Kritiker zugestehen müssen, die sich über seine Hinwendung zu christlichen Texten mokieren und ihn gerne ironisch als "Propheten" oder "Erlöser" betiteln. Um Morse‘ Vielseitigkeit zu erfassen, reicht eine CD, reicht eine DVD schon lange nicht mehr aus. So muss es diesmal also ein 3CD-Set sein, um sein reichhaltiges Repertoire an den Hörer zu bringen.
CD 1 beginnt gleich mit einem wahren Live-Kracher: Spock’s Beards Paradestück "At The End Of The Day". Die Tourband kann die ehemaligen Mitstreiter Nick D’Virgilio, Alan Morse und Ryo Okumoto zwar keineswegs ersetzen, sie macht aber einen guten Job und bringt den Song solide rüber. Die mehrstimmigen Vokalpassagen klangen bei Spock’s Beard im Studio sehr gut, wurden live aber regelmäßig trashig verhunzt, wobei man sich einen Spaß draus machte, vor allem Ryo böse Blicke zuzuwerfen. Neal Morse hilft sich hier mit Sängerin Jessica Koomen, die eine tolle Leistung als Duettpartnerin an den Tag legt. Nach einigen kurzen Stücken (Highlight: Transatlantics "We All Need Some Light") folgt mit "Lifeline" der epische Titeltrack des aktuellen Albums.
CD 2 hat vor allem umfangreiche Medleys zu den frühen Soloalben "Testimonium" und "?" zu bieten. Und CD 3 widmet sich wiederum in Überlänge dem Album "Lifeline" mit dem halbstündigen Longtrack "So Many Roads" und führt dann erneut in die erste Transatlantic-Ära mit dreißig Minuten fulminanter Musik aus "Bridge Across Forever".
215 kurzweilige Minuten, die einen Eindruck von Neal Morse‘ Livequalitäten vermitteln. Wer in über dreieinhalb Stunden Lauflänge einen umfassenden Blick ins Schaffen eines der führenden Köpfe im Progressive Rock werfen will, liegt hier goldrichtig.