Sola Scriptura

Aha – also doch. Der „Erleuchtete“ schreibt ein Konzeptalbum zu einem religiösen Thema. Ich höre schon die Lästerer: Das nervt, der soll uns mit seinen Bekehrungsversuchen in Ruhe lassen...
War schon komisch damals, als Neal Morse den Ruf Gottes hörte, sich von Spock’s Beard trennte und sich allein auf den Weg machte, die „Progressive Rock“-Gemeinde zu beglücken. Viele sahen den Untergang von Band und Ex-Sänger gekommen, aber ich fand es gar nicht so schlimm. So werden wir halt in Zukunft mit noch mehr Veröffentlichungen aus zwei Richtungen erfreut. Parallelen zu Fish und Marillion sind da nicht auszuschließen.
Nun ja – religiöses Thema. Warum eigentlich nicht? In Konzeptalben wurde schon soviel Psychologisches runtergebetet, IQ begaben sich auf transzendentale Pfade, Ayreon versuchte sich an allerlei Fantasy-Märchen. Ich habe einfach Respekt davor, wenn jemand die Dinge, an denen ihm momentan etwas liegt, in Worte und Musik fasst. Das ist ehrlich.
„Sola Scriptura“ bedeutet „nur nach der Schrift“ und bezieht sich (ihr habt es geahnt) auf die Thesen Martin Luthers. Neal Morse beschäftigt sich also mit dessen Geschichte. Die Lyrics liegen mir noch nicht vor, aber die Tracks „The Door“, „The Conflict“ usw. lassen darauf schließen, dass es inhaltlich mit dem Anschlag der Thesen beginnt und mit der darauf folgenden Auseinandersetzung weitergeht.
Okay. Aber wichtiger: das Musikalische. Und da ist Morse echt mit allen Wassern gewaschen. Paul Gilbert (Mr. Big) an der Gitarre, Randy George am Bass und der unvermeidliche Mike Portnoy am Schlagwerk. Ich find’s einfach geil. Man macht die Augen zu und hört eine Mischung aus Spock’s Beard und Transatlantic, als wäre Neal nie dort weg gegangen. (Ach ja, dann fragt man sich natürlich doch wieder, warum er sich eigentlich aus den Bands zurückgezogen hat).
Empfehlungen? Schwer. „The Door“, „The Conflict“, „The Conclusion“ sind extrem ausgearbeitete Longtracks zwischen 16 und 29 Minuten, die im Prinzip alles bieten, was man von Neal erwartet – und das in epischer Breite. Manchmal vielleicht etwas übertrieben schwülstig, aber bei Meat Loaf beklage ich mich ja auch nicht über den Bombast. Für Entspannung in der Mitte sorgt „Heaven In My Heart“. Eine wundervolle Piano-Ballade. Ich liebe das. Greift zu – Kaufempfehlung.