Anthology (2CD / 3DVD Box-Set)

Dass sich New Model Army nach Oliver Cromwells republikanischer Revolutionsarmee benannt haben, ist kein Zufall. Zu Beginn ihrer Karriere verstand sich die Band vor allem als Sprachrohr der unterdrückten Arbeiterklasse in England. Das war 1980 und Großbritannien hatte noch zehn Jahre unter einer Premierministerin namens Margaret Thatcher vor sich. Die ist inzwischen Geschichte. New Model Army jedoch entwickelten sich zu einer der wichtigsten Independent-Bands und genießen heute Kultstatus. Sie hatten maßgeblichen Einfluss auf Genres aller Art, angefangen beim Post-Punk, über Folkrock, Wave, Gothic bis hin zum Metal, haben es aber gleichzeitig immer geschafft sich in keines dieser Genres einordnen zu lassen und ihre künstlerische Unabhängigkeit zu bewahren. In diesem Jahr feiern sie ihr 30-jähriges Jubiläum.
Und dazu hat sich das Quintett aus Bradford etwas Besonderes einfallen lassen: Ihre ganz persönliche "Anthology". Aus 13 Alben (zählt man die beiden Compilations "B-Sides And Abandoned Tracks" und "Lost Songs" hinzu) sowie massenhaft bewegten Bildern der letzten drei Dekaden hat die Band mitsamt ehemaliger Mitglieder ihre ultimative Best Of-Zusammenstellung kreiert, die nun in Form einer opulenten Box aus zwei CDs und drei DVDs erscheint. 30 Songs aus 30 Jahren plus neun Stunden (!) Film-Material und Konzertaufnahmen. Alles in allem bekommt man darauf 65 verschiedene Songs zu hören, wenn ich mich nicht verzählt habe und die Live-Konzerte ausklammere. Alleine das ist schon ein Drittel des gesamten New Model Army-Backkataloges. Eine wahre Schatzkiste also!
Und die öffnet ihren Deckel mit "Vengeance", ein Stück des gleichnamigen Debütalbums von 1984, welches gleich das rebellische Gesicht von New Model Army zeigt. Überhaupt liegt der Schwerpunkt mehr auf der rockigen Seite. Ausnahmen wie "Carlisle Road", "Living In The Rose", das sphärische "Rainy Night 65", "Marry The Sea" oder "Red Earth" (das erst zum Ende hin explodiert) bestätigen da nur die Regel. Die Tracklist ist nicht chronologisch geordnet, sondern bunt durcheinander gewürfelt. Trotzdem lässt sich die musikalische Entwicklung von New Model Army wunderbar nachvollziehen. Waren die ersten Alben noch sehr vom Punk beeinflusst ("Christian Militia"), so wurden die Kompositionen später komplexer und vielfältiger, Gitarre und Schlagzeug traten mehr in den Vordergrund (bestes Beispiel: "Flying Through The Smoke" von 2000). Ed Alleyne-Johnson brachte die Band von 1989 bis 1994 mit seiner Violine dem Folk näher, was sich in "Purity" oder ganz besonders "Vagabonds" (mit dem Original-Intro) niederschlug. Als dann Dean White Anfang dieses Jahrtausends hinzustieß, bekam das Keyboard einen festen Platz bei New Model Army. Ja selbst ein Glockenspiel gehörte schon zu ihrem Repertoire ("Bluebeat"). Mit "Mambo Queen Of The Sandstone City" kehrte die Band dann 2009 auf ihrem bisher letzten Studioalbum "Today Is A Good Day" noch einmal zu ihren Punk-Wurzeln zurück. Zweifellos eine gelungene Songauswahl, bei der erstaunlicherweise auf "51st State", den Über-Hit von 1986, verzichtet wurde. Textlich beschäftigt sich Frontmann und Mastermind Justin Sullivan mit Gerechtigkeit (grosses Thema!), dem Sinn des Lebens, der Natur, gesellschaftlichen oder politischen Mißständen und manifestiert so immer wieder die stets kritische Haltung von New Model Army. Von seiner charakteristischen Stimme ganz abgesehen.
Die drei DVDs gebührend zu besprechen ist angesichts der Fülle des Materials schlichtweg unmöglich. Darauf zu finden ist eine Unzahl an Videos aus allen Schaffensperioden der Band, die zumindest klamottentechnisch ein ums andere Mal eine etwas peinliche Selbstreflektion heraufbeschwören: Lederhose, Boots, Muskelshirt... Nun ja, so war das halt früher. Hinzu kommen zwei Livemitschnitte von "You Weren`t There" und "White Light", in dem Justin Sullivan eine Nahtod-Erfahrung verarbeitet. Bei einem Konzert erlitt er einen elektrischen Schlag und musste wiederbelebt werden. Besonders sehenswert sind die Liveaufnahmen aus dem Londoner Marquee Club (1985) - mit einem diabolischen Sullivan, der stolz seine Zahnlücke präsentiert -, dem Rockpalast in der Düsseldorfer Philipshalle (1990), vom Bizarre Festival 1996 und aus dem Palladium in Köln von 2006, wo ich auch anwesend war. Als Liveband sind New Model Army nahezu unschlagbar.
Und weil das so ist, dürfen wir uns im November wieder auf einige spezielle Gigs freuen. Bereits zum 20-jährigen Bestehen hatte die Band zwei Doppelkonzerte in Nottingham und Köln gespielt und dabei die Setlist auf jeweils beide Abende verteilt, sodass kein Song doppelt gespielt wurde. Dies wiederholen sie jetzt erneut. Zwei verschiedene Konzertabende mit je vier Songs aus allen 13 Alben, unter anderem am 20. und 21. November im Kölner E-Werk. Wer da nicht hingeht, ist selbst schuld!
In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch Justin Sullivan, Marshall Gill, Peter "Nelson" Nice, Dean White und Michael Dean (und Dave Blomberg, Stuart Morrow, Moose Harris, Robert Heaton...) zum 30. Geburtstag! Vielen Dank für den Soundtrack zu unserer Vergangenheit, Gegenwart und hoffentlich weiteren Zukunft! Als Geschenk gibt es dafür von uns zwar keine 30 Kerzen, aber immerhin neun glänzende Punkte.