Carnival

Es ist fast so, als würde man alte Freunde treffen. Oder einen guten Wein aufmachen, den man sich für besondere Anlässe aufbewahrt hat. So geht es mir jedenfalls immer, wenn ich ein neues Album von New Model Army in den Fingern halte. Entsprechend gross war die (Vor-)Freude, als ich mit ebensolchen zittrigen das Vorabexemplar aus meinem Briefkasten fischte.
Schon der Titel „Carnival“ hat für den Rheinländer als solchen ja schon einen symphatischen Klang. Mit Pappnasen und Luftschlangen hat das Ganze aber natürlich nichts zu tun! Vielmehr sind New Model Army auch im fünfundzwanzigsten Jahr ihres Bestehens das, was sie schon immer waren: Schlichtweg Kult!
Nach zwölf Jahren hat Gitarrist Dave Blomberg die Band verlassen. Für ihn bearbeitet nun Marshall Gill die Saiten. Und das merkt man. Was Justin Sullivan & Co. auf ihrem neunten Studioalbum abliefern, ist zwar gewohnt grosses Kino, zum Teil aber auch etwas gewöhnungsbedürftig. Kein Zweifel, die Scheibe muss sich beim Hören erst entwickeln... aber das ist ja bei den meisten guten Alben so.
Der Opener „Water“ ist noch ein typischer Army-Song, mit verhaltenem Start, aber einem fulminanten Ende. Auch das folgende „BD3“ ist so solide wie man es kennt und schätzt. Das Stück handelt von Bradford, dem Heimatort der Band und Justin ist zum ersten Mal so richtig wütend. Eine Hommage hört sich jedenfalls anders an.
Dann beginnt die starke Phase. „Prayer Flags“ startet mit einem sich selbst überrollenden Schlagzeug. Das Tempo des Songs wird fleißig variiert und verleiht dem Ganzen etwas hymnenhaftes.
Bei „Carlisle Road“ dann zum ersten Mal Verwirrung. Erst dachte ich, es sei ein verunglücktes Liebeslied. Ist es aber nicht, denn die Gitarre sorgt für Donnergrollen. Hat was elegisches an sich.
„Red Earth“ anschließend ist aber eine waschechte Täuschung. Als Intro hören wir tatsächlich ein Xylophon, dem das Schlagzeug rhythmisch auf der Spur bleibt. Klingt irgendwie keltisch und man wartet förmlich auf den Einsatz einer Whistle-Flöte. Da Justin im Text allerdings die Kindersoldaten in Afrika anprangert, will das nicht so recht passen. Das wird dann spätestens in der vorletzten Strophe klar und dann geht der Song auch ab.
„Too Close To The Sun“ beginnt wieder sphärisch. Ein ganz starker Refrain, der zum Mitgröhlen geradezu einlädt. Kommt live bestimmt besonders fein.
„Bluebeat“ hingegen ist mehr so eine Art Marsch. Doch auch hier ein überraschendes Ende. Das Stück klingt mit einem Glockenspiel aus. Unwillkürlich muss ich an eines dieser Aufziehdinger für Kinder denken. Ihr wisst schon, die mit der Schnur und der kleinen Holzkugel dran, die Babies zu allem anderen bringen, nur nicht zum Einschlafen. Zum ersten Mal kommt die Mundharmonika zu ihrem Recht.
„Another Imperial Day“ ist ein überaus eindringliches Stück, weshalb ich es auch zum Anspieltipp erkoren habe. Justin spricht mehr als er singt, aber das muss so sein. Es geht um die weltweite Einwanderungspraxis und den menschenverachtenden Umgang mit Flüchtlingen: „Because goods are free to move but not people. Oil is free to move but not people. Jobs are free to move but not people. Money is free to move but not people”!
“LS43” und “Island” kennt man schon von der letzten Tour. Bei ersterem verändert Justin sogar mal seine Tonlage, ansonsten ein Machwerk bester New Model Army-Bauart. Das soll beileibe nicht abwertend klingen, aber man ist nun fast schon ein wenig verwöhnt von den vorherigen Songs. „Island“ könnte ein neuer Army-Hit werden. Als man denkt, das Stück ist zu Ende, kommt es noch mal zurück und Justin schreit, wie nur er schreien kann. Als hätte ihm jemand in der S-Bahn volle Lotte auf die Füsse getreten.
Zum krönenden Abschluss „Fireworks Night“. Und der Song ist dann wieder irgendwie komisch, ich hab mir in Gedanken mal ein grosses Fragezeichen danebengepinselt. Seltsam zerrissen (genau wie der Text, der von einer gescheiterten Beziehung erzählt) mit einem Streicherensemble am Ende.
Ihr meint, das klingt alles verdammt spannend? Ist es auch! „Carnival“ ist einerseits ein typisches New Model Army-Album und andererseits auch wieder nicht. Es ist vielleicht so, als würde man an dem alten Freund vom Anfang neue Seiten, neue Eigenschaften, neue Fähigkeiten entdecken. Neben all den Sachen, die ihn so vertraut machen. Dafür dass New Model Army diesen Spagat so glaubhaft hinkriegen und trotzdem unverwechselbar bleiben, kann es nur eine Wertung geben: 9 von 9 Sternen! Den Kultfaktor nicht eingerechnet...