New Model Army

Fuck Texas, Sing For Us

Veröffentlicht: 17.11.2008 / Attack Attack / Rough Trade

Von: Andreas Weist

New Model Army

Justin Sullivan kommt in den letzten Wochen regelmäßig in Erklärungsnöte, wenn er zum ungewöhnlichen Titel des neuen Livealbums befragt wird. Gerade im Vorfeld der US-Präsidentenwahl vermutete natürlich jeder einen politischen Slogan in Anspielung auf den Texaner Bush. Die simplere Erklärung gab der Sänger uns am 8. August im Musicheadquarter-Interview: „Auf der Amerikatour waren wir im März in New Orleans. Wir  spielten die Show und eine Zugabe. Und ich sagte: ‚Wir müssen morgen nach Texas fahren. Wir haben 500 Meilen zu fahren und haben eine Show in Austin, Texas. Ich verliere meine Stimme, ich habe keine Stimme mehr. Herzlichen Dank, es war ein großartiger Abend.‘ Und wir gingen von der Bühne. Und sie begannen zu rufen ‚Fuck Texas, sing for us. Fuck Texas, sing for us.‘, und wir waren in der Umkleide, verwundert: ‚Was rufen die?‘ Und wir fanden das so lustig. Wir haben keine Aufnahme von diesem Abend – aber jemand nahm es mit einem Camcorder auf. So haben wir nur diese schlechte Aufnahme davon und wir beginnen das Album damit, weil es so lustig war. Aber wir fühlen uns schlecht wegen der guten Leute von Texas. Denn der nächste Abend in Austin war großartig.“ (Das komplette Interview könnt ihr HIER nachlesen.)

Die Liveaufnahmen stammen also keineswegs von der USA-Tour, wie man vermuten könnte, sondern wurden bei den Weihnachtsshows 2007 in London, Köln sowie Amsterdam und im März 2008 im englischen Holmfirth aufgenommen. Eingeleitet wird der 73minütige Longplayer aber von den Original-Zuschauerrufen aus New Orleans, bevor die Zusammenstellung mit dem treibenden Klassiker „225“ loslegt. Ein Schwerpunkt liegt natürlich auf dem aktuellen Output „High“, der gleich mit 9 von 17 Songs vertreten ist. Das zehnte Album einer der bekanntesten Indie-Bands Europas wurde von Chris Kimsey produziert, der schon mit einer illustren Schar von Bands wie Marillion, Yes und INXS gearbeitet hat, und zeigte New Model Army in Höchstform. Der Bass dominiert „Nothing Dies Easy“ in einer leicht anmutenden Spielweise, die in ihrer Intensität immer weiter ansteigt, bis Sullivan sich fast schreiend durchsetzen muss. „Into The Wind“ startet sehr folkig, allein mit akustischer Gitarre. „Breathing“ ist dann wieder ruhiger und lullt durch einen afrikanischen Schlagzeugrhythmus ein, bevor der Refrain die Zuschauer wieder aufweckt.
„One Of The Chosen“ startet düster und geheimnisvoll. Ein kraftvolles Schlagzeug bereitet Sullivan den Weg und begleitet die eindringlichen Vocals durch den Song. Im aggressiv-hymnischen „Bloodsports“ ziehen die Jungs alle Register ihres Könnens, doch mein momentaner Favorit unter den neuen Songs bleibt „No Mirror, No Shadow“. Ein hervorragend eingespieltes und vorwärts treibendes Schlagzeug ist Hauptbestandteil des Songs, nur sporadisch von Gitarre und Soundelementen unterstützt, und führt Sullivan durch die teilweise mehr gesprochenen als gesungenen Lyrics, die ein düsteres Zukunftsbild für die Menschheit zeichnen. „One day the desert will cover all the earth“ oder später im Text „Where there is war we like to bring peace / Where there is peace we want to bring war“. Das ist die politische Attitüde, die Army von Beginn an ausgemacht hat – authentisch und ohne pathetische Anbiederung.

Gestreut durch den Set finden sich wahre Klassiker wie „Masterrace“, „Poison Street“ und das ursprünglich per Violine begleitete „Vagabonds“, dessen Streicherklänge schon lange durch eine elektronische Spielart ersetzt werden und dem Song dennoch den nötigen Drive verleihen. „Fuck Texas, Sing For Us“ ist die musikalische Bestandsaufnahme von New Model Army 2007 / 2008. Die Tatsache (und auch der Mut), das aktuelle Album in den Mittelpunkt zu stellen, zeugen von hohem Selbstbewusstsein. Und die Jungs tun gut daran. „High“ gewinnt in der Liveumsetzung noch an Stärke und Intensivität – eine wahre Bereicherung für den aktuellen Set.

Nach den traditionellen Weihnachtskonzerten (Köln: Palladium, 20.12.) ist zunächst einmal Pause und Sullivan kommt mit Joolz, Rev Hammer und Bret Selby als Red Sky Coven wieder. Auch dort ist seine akustische Performance jedesmal ein Erlebnis. Das solltet ihr euch nicht entgehen lassen (die Tourdaten von Red Sky Coven findet ihr übrigens hier).

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