Oceansize

Self Preserved While The Bodies Float Up

Veröffentlicht: 03.09.2010 / Superball Music / EMI

Von: Thomas Müller

Oceansize

"It's the best we've done, whether you think so or not." Mit dieser Aussage lehnt sich Mike Vennart, Sänger und (ein) Gitarrist der fünfköpfigen Progressive Rock-/Alternative-/Postrock-/Indie-/wie-auch-immer-Band aus Manchester, ziemlich weit aus dem Fenster und legt die Messlatte entsprechend hoch. Der schräge Titel des brandneuen und bereits vierten Studioalbums "Self Preserved While the Bodies Float Up" lässt zumindest schon einmal erahnen, dass man hier mit Sicherheit – wie eigentlich immer bei Oceansize – keine allzu leichte Kost vorgesetzt bekommt. Diesen Eindruck hatte vielleicht auch so mancher eingefleischte Fan, als auf der Home & Minor-Tour einige der neuen Songs live auf ihre Tauglichkeit geprüft wurden. Doch alles der Reihe nach.

Beim ersten Blick auf die Playlist fällt bereits auf, dass Songs jenseits der 5-Minuten-Marke sehr rar gesät sind. Dies ist eigentlich recht ungewöhnlich, dauerte beim Vorgänger "Frames" noch jedes Lied im Schnitt um die acht Minuten mit teils ausufernden Kompositionen. Dass die Jungs nun offensichtlich etwas "kürzer treten" wollen, muss natürlich bei weitem nichts Schlechtes bedeuten.

Nun denn, der Einstieg ins Album fällt wahrlich alles andere als leicht. Gleich zu Beginn wird der gebannte und voller Vorfreude strotzende Hörer mit dem brachialen "Part Cardiac", das mit krachenden Gitarren-Riffs und aggressivem Gesang etwas befremdlich durch die Lautsprecherboxen tönt, auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Bekommt man hier bereits einen Vorgeschmack, wie der Rest des Albums klingen mag? Wer schon jetzt die typischen Oceansize-Melodien und Gitarrenklangteppiche erwartet hat, wird zunächst enttäuscht. Auch die beiden nachfolgenden Stücke könnten durchaus als das Härteste durchgehen, was die Band je veröffentlicht hat, wobei die rhythmisch-vertrackten, mit einigen Tempiwechseln gespickten "SuperImposer" und "Built Us A Rocket Then…" schon etwas ansprechender ausfallen und dabei besonders das unheimlich kraftvolle und gleichzeitig sehr ästhetische Drumming von Mark Heron heraussticht. Eine kleine Verschnaufpause kann man sich endlich bei "Oscar Acceptance Speech" gönnen. Wunderschöne Melodien, sanfte Pianoklänge, ein Vennart in Bestform und filigrane Streicher ergeben ein stimmiges Gesamtbild. Der lange Streicherpart ist zwar äußerst hörenswert, stellt sich allerdings bereits nach wenigen Hördurchgängen leider als etwas zu eintönig heraus. Es folgt nun ein Song, der auf den Namen "Ransoms" hört und auf der ruhigen "Home & Minor" EP keineswegs deplatziert gewesen wäre. Das Lied plätschert auffällig gemächlich und unspektakulär vor sich hin, um dann doch noch etwas Fahrt aufzunehmen – immer eingebettet in sphärisch anmutenden Gitarrenklängen und begleitet von einer schlichten, aber effektiven Basslinie.

Eines der ungewöhnlichsten und schönsten Lieder auf diesem Album ist zweifelsohne das balladeske "A Penny’s Weight". Der Gastauftritt von Sängerin Claire Lemmon, die schon für das Debütalbum "Effloresce" die (Backing) Vocals beigesteuert hat, verleiht dem Stück sicherlich das gewisse Etwas. Das Duett Vennart/Lemmon weiß also durchaus zu gefallen, und daher bin ich etwas traurig, dass nach nur 3 ½ Minuten schon wieder alles vorüber ist. Na gut, es gibt zur Not ja noch die Repeat-Taste.

Nach diesem angenehmen Sinneserlebnis ist es umso erfreulicher, dass sich das über 8-minütige "Silent/Transparent" einige Zeit behutsam aufbaut, um erst dann in einem infernalen Gitarrengewitter zu enden, welches bereits bei der ersten Live-Begutachtung im Herbst letzten Jahres ein definitives Highlight war. Stürmisch-krachend, kurz und knapp und mit Gesang wie aus dem Maschinengewehr geht es mit "It’s My Tail And I’ll Chase It If I Want To" weiter und gleichzeitig mit dem zweiten Gastauftritt, diesmal von keinem geringeren als Biffy Clyros Simon Neil, "screaming his fucking blackened little lungs on it" (M. Vennart). Das kürzeste Album der Bandgeschichte endet mit dem streicherunterstützten und von zarten Gitarrenklängen untermalten "Pine" sowie mit "SuperImposter". Beide Songs könnten durchaus zu den heimlichen Favoriten avancieren und runden ein Album, das anfangs vielleicht etwas zu ungalant daherkommt, wirklich gelungen ab.

Ob dies – um nochmals das Zitat vom Anfang aufzugreifen – bis dato das beste Oceansize-Album ist oder sich Vennart vielleicht doch etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt hat, wage ich nicht zu beurteilen. Die großen Begeisterungsstürme für das Album als Ganzes halten sich zumindest bei mir (noch) in Grenzen. Mit Sicherheit kann jedoch gesagt werden, dass "Self Preserved While the Bodies Float Up" ein überaus facettenreiches Werk mit viel Potenzial ist, wofür natürlich etliche Hördurchgänge benötigt werden, um alles auffassen und ein abschließendes Urteil bilden zu können. Die Band hat mit diesem Album zwar keinen neuen Sound erfunden – das meiste klingt immer noch nach Oceansize – allerdings ist es gleichermaßen erfreulich festzustellen, dass nichts recycelt wird, nur um den Erwartungen aus dem eigenen Fanlager gerecht zu werden. Oceansize bringen seit nunmehr zwölf Jahren mit jeder Veröffentlichung frischen Wind in die Musikszene und bleiben sich selbst treu – das schaffen gewiss nicht viele Bands.

Erhältlich ist das neue Album als Standard-CD, limitierte Edition mit Bonus-Track und 40-seitigem Buch, Vinyl inklusive CD-Version sowie als digitaler Download.

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