1993 - 1995 (3-CD Deluxe Edition)

Unter Pearl Jam-Fans gilt gemeinhin der 22. Oktober 1990 als die Geburtsstunde der Band. An diesem Tag gab das Quintett (noch unter dem Namen Mookie Blaylock) sein allererstes Konzert. Ort des historischen Geschehens war das Off-Ramp-Café in ihrer Heimatstadt Seattle. 1991 erschien dann ihr Debütalbum "Ten" und nach offizieller Lesart feiern Pearl Jam damit 2011 ihr 20-jähriges Jubiläum. Dafür haben sich Eddie Vedder & Co. etwas Besonderes einfallen lassen: Nach und nach soll der gesamte Backkatalog aus neun Studioalben neu aufgelegt werden. Das Reissue von "Ten" erschien bereits vor zwei Jahren. Nun folgen die Pearl Jam-Alben Nummer 2 und 3, "Vs." und "Vitalogy", als "1993 - 1995" in einer gemeinsamen Deluxe Edition (sowie weiteren Formaten), inklusive der Live-CD ihres Auftritts im Bostoner Orpheum Theatre vom 12. April 1994. Alles natürlich von ihrem damaligen Produzenten Brendan O`Brien nochmal digital remastert.
"Vs." wurde ursprünglich am 19. Oktober 1993 veröffentlicht. Zunächst sollte das Album "Five Against One" heißen, der Titel wurde jedoch kurz vor Veröffentlichung abgeändert. Im Original findet sich hinter dem CD-Tray das Foto einer Hand, auf die mit einem Stift der Ursprungstitel gekritzelt ist. "Vs." verkaufte sich alleine in den USA über 7 Millionen Mal. Allerdings hatte der kommerzielle Erfolg grossen Einfluß auf das Innenleben der Band, die nunmehr endgültig im Rampenlicht stand und deren Privatsphäre quasi über Nacht nicht mehr existierte. Insbesondere Frontmann Eddie Vedder hatte damit zu kämpfen, was er in seinen Texten zum Nachfolger "Vitalogy" auch deutlich zum Ausdruck brachte. Als Konsequenz gaben Pearl Jam kaum Interviews, produzierten weltweit kein einziges Video und veröffentlichten ihre Singles zunächst nur außerhalb der Vereinigten Staaten. "Vs." enthält mit "Go", "Animal", "Daughter", "Dissident", "Blood", "Rearviewmirror" oder "Indifference" zahlreiche Hochkaräter, die auch heute noch vielfach live gespielt werden.
Die insgesamt 12 Songs haben durch Brendan O`Briens Überarbeitung deutlich an Volumen gewonnen. Der eigentliche Mehrwert der Deluxe Edition besteht aber in den drei enthaltenen Bonustracks aus den "Vs."-Sessions. "Hold On" ist eine feine Akustiknummer und "Cready Stomp" so wie es heißt: Kein Gesang und Gitarrist Mike McCready tobt sich an seinem Instrument aus. Schließlich noch das düstere Victoria Williams-Cover "Crazy Mary", mit Williams persönlich als zweiter Stimme und an der Gitarre.
"Vitalogy" mit seinen 14 Songs erschien im Spätherbst 1994 und steht bei 5 Millionen verkaufter Exemplare. Allerdings ist es auch viel schwerer zugänglich als "Vs.", wofür exemplarisch solch schräge Stücke wie "Bugs" oder "Hey Foxymophandlemama, That`s Me" (später "Stupid Mop") genannt seien. Bei letzterem gab im übrigen Jack Irons seinen Einstand am Schlagzeug als Nachfolger von Dave Abbruzesse. Irons wiederum folgte 1998 Matt Cameron. In dieser Besetzung (neben Vedder, Cameron und McCready gehören noch Gitarrist Stone Gossard sowie Bassist Jeff Ament zur Band) spielen Pearl Jam bis zum heutigen Tag zusammen. Auf "Vitalogy" finden sich die wunderbaren "Nothingman" und "Better Man", das treibende "Corduroy" oder "Immortality", das oft auf den Selbstmord Kurt Cobains bezogen wird, was Eddie Vedder jedoch stets bestritten hat. In vielen Stücken geht es um Erfolgsdruck und das damit verbundene öffentliche Interesse. So enthält beispielsweise "Pry, To" die immer wiederkehrende Zeile "Privacy is priceless to me". Zu "Vitalogy" gab es ebenfalls keine Videos. Die Aufmachung ist einem medizinischen Buch aus dem frühen 20. Jahrhundert nachempfunden, das Vedder angeblich auf einem Flohmarkt fand.
Auch hier klingen die Songs nach der digitalen Bearbeitung druckvoller. Hinzu kommen erneut drei Bonustracks. Eine Version von "Better Man" aus Gitarre und Orgel. Dazu ein Alternative Take von "Corduroy" mit einem neuen Anfang sowie leicht verändertem Mittelteil und schließlich ein "Nothingman"-Demo mit Richard Stuverud am Schlagzeug. Eddie Vedder klingt dabei so, als habe ihm jemand die Nase zugehalten. Insgesamt hinterlässt das Bonusmaterial einen etwas lieblos zusammengestellten Eindruck. Weitere Outtakes oder zumindest ein paar B-Seiten hätten da sicherlich für mehr Euphorie gesorgt.
Höhepunkt und Ärgernis der "1993 - 1995"-Box zugleich ist die Live-CD. Höhepunkt deshalb, weil es sich bei dem Konzert im Orpheum Theatre (übrigens nur eine Woche nach dem Suizid von Cobain) um eine ganz spezielle und in Fankreisen extrem gesuchte Show handelt. Die Setlist wurde komplett von der Pearl Jam-Crew ausgewählt und sie enthält neben diversen B-Seiten auch drei neue Songs. Beim wütenden Dead Boys-Cover "Sonic Reducer" werden Pearl Jam von Mark Arm unterstützt, dessen Band Mudhoney damals als Support spielte. Während "Fuckin` Up" (im Original von Neil Young) brüllt Vedder die Fans auf der Empore an, sie sollen aufstehen. Zwischendurch variiert er einige der Texte, was man entweder seiner Spontanität oder seiner Vergesslichkeit zuschreiben kann. Die einzigartige Live-Energie der Band, die sie sich bis heute erhalten hat, wird an jenem Abend sehr deutlich. Die Setlist umfasste eigentlich 25 Songs, von denen es aber - und damit sind wir beim Ärgernis - nur 16 auf die CD geschafft haben. Sechs der fehlenden Stücke gibt es für alle Käufer der Deluxe- und Super Deluxe-Edition immerhin noch als Download, wobei sich dann wiederum die Frage stellt, warum man diese nicht gleich mit auf den Silberling gepackt hat. Drei Songs, darunter leider auch der über zwanzigminütige "I`ve Got A Feeling"-Jam fielen der Schere zum Opfer. Das Bandmanagement begründet dies mit den technischen Unzulänglichkeiten jener Zeit. Schade! Denn in die Begeisterung für die Live-Veröffentlichung mischt sich so ein fader Beigeschmack.
Positiv erwähnenswert bleibt noch das Artwork. Ähnlich wie beim Re-Release von "Ten" gibt es "1993 - 1995" in einem stabilen Pappschuber mit den "Vs."- und "Vitalogy"-Covern auf Vorder- und Rückseite. Dazu die Original-Booklets, wobei das der Live-CD mit zahlreichen Fotos punkten kann. Alles in allem eine lohnenswerte Anschaffung, vor allem für jene Fans, die noch einmal in die Zeit vor 20 Jahren abtauchen wollen, als Chucks, Flanellhemden und zerrissene Jeans zur Kleiderordnung gehörten.