Pearl Jam

Backspacer

Veröffentlicht: 18.09.2009 / Island / Universal

Von: Thomas Kröll

Pearl Jam

Im kommenden Jahr feiern Pearl Jam ihr 20-jähriges Jubiläum. Die Band um Frontmann Eddie Vedder ist eine der wenigen, die aus der glorreichen Grunge-Ära in den 90er Jahren übrig geblieben ist. Da wird dann gerne mal reflexartig der Begriff "Dinosaurier" in den Ring geworfen. Im Gegensatz zu den bekanntlich schon längst ausgestorbenen Riesenreptilien präsentieren sich Pearl Jam auf ihrem neunten Studioalbum "Backspacer" allerdings mehr als lebendig.

Bereits auf dem Vorgänger "Pearl Jam" von 2006 hatte das Quintett versucht sich von den intellektuellen Fesseln, die sie für die breite Masse oftmals etwas schwer zugänglich klingen ließen, zu befreien. "Backspacer" ist ihr wahrscheinlich bisher fokussiertestes und dynamischstes Album geworden. Nichts daran klingt ziellos oder wie eine Jam-Session, stattdessen ist es straff durchorchestriert. Dafür spricht schon die für 11 Songs relativ kurze Spielzeit von knapp 37 Minuten. So wird für viele Fans die Menge an eingängigen Momenten auf "Backspacer" auch zunächst etwas überraschend sein. Aber anders als etwa bei U2, die 1991 ihren Fans mit "Achtung Baby" einen radikalen musikalischen Umbruch zumuteten, vollzieht sich dieser Wandel bei Pearl Jam eher sanft.

Schon bei der Besprechung der Vorab-Single "The Fixer" hatten wir deshalb die Frage gestellt, ob Pearl Jam damit vielleicht sogar auf dem besten Wege zum Mainstream-Act seien, doch mit "Gonna See My Friend" werden diese Zweifel gleich zu Beginn von "Backspacer" wieder zerstreut. Ein rockiger Auftakt, der fast schon hingerotzt klingt und laut Gitarrist Stone Gossard "eine Verneigung vor alten Freunden, den Verdammten des Garage-Rock, nämlich Mudhoney" ist. "Got Some" haut in die gleiche Kerbe, nur eine Spur langsamer. Zwar finden sich auf "Backspacer" keine epischen Spielformen wie auf vielen der früheren Alben, aber nicht nur "Got Some" beweist, dass Mike McCreadys Gitarre trotzdem so atemberaubend schön klingen kann wie eh und je. Weitere Belege dafür sind die Vollgas-Rocknummern "Johnny Guitar" (mit einer fast schon psychedelisch anmutenden Bridge) und besonders "Supersonic" (als deutliche Reminiszenz an die Ramones) mit seinen rückwärts gespielten Gitarrenparts. Lediglich "Force Of Nature" fällt dazu im Vergleich ein wenig ab. Ein solider Rocksong, dem jedoch der Überraschungseffekt fehlt.

Mit "Just Breathe", bei dem Eddie Vedder etwas erkältet klingt, und "The End" hat "Backspacer" aber auch seine ruhigen Momente, in denen Vedder nahtlos da anknüpft, wo er 2007 mit seiner Arbeit für den Soundtrack des Sean Penn-Films "Into The Wild" aufgehört hat. Spartanisch, akustisch, eindringlich. Diesmal allerdings angereichert durch Streicher, Waldhörner, Mellotron oder Clavinet. Alles absolutes Neuland für Pearl Jam. In "Speed Of Sound" hört man gar Kastanietten. Ein Midtempo-Song mit einem dramatischen Klavier, das allerdings etwas weniger Hall hätte vertragen können. Laut Eddie Vedder hat er das Stück während einer Session mit Ron Wood von den Stones auf Jamaika geschrieben. Vielleicht lags ja am Rum. Meine persönlichen Favoriten auf "Backspacer" sind "Unthought Known" und insbesondere "Amongst The Waves", beides Hymnen, von denen vor allem letztere mit ihrer Leichtigkeit den Hörer förmlich mit ausgebreiteten Armen davonfliegen lässt.

Textlich beschäftigt sich Eddie Vedder nicht annähernd so stark mit der amerikanischen Politik wie noch auf "Pearl Jam" oder dem vorhergehenden "Riot Act"-Album (2002). Seit Barack Obama die US-Präsidentschaft übernommen hat, scheint auch er den Kopf wieder für andere Dinge frei zu haben. So widmet er sich beispielsweise Themen wie der menschlichen Psyche ("Unthought Known"), dem Gefühl der Erneuerung ("Amongst The Waves"), besingt einfach nur den Typen, der als letzter noch an der Bar sitzt, wenn alle anderen schon gegangen sind ("Speed Of Sound") oder wie wir die glücklichsten Momente unseres Lebens oftmals unbemerkt verstreichen lassen ("Just Breathe"). Die Idee zu "Johnny Guitar" kam ihm übrigens nach eigener Aussage auf dem Klo des Bandhauptquartiers in Seattle.

Pearl Jam haben zudem gut daran getan, sich mit Brendan O`Brien einen Produzenten zurück ins Boot zu holen, mit dem sie bereits in ihrer Anfangszeit zusammengearbeitet haben. "Er weiß, wie man eine Rockband live aufnehmen muss", sagt Bassist Jeff Ament. "Alle fünf in einem Raum und die Songs werden direkt auf Band aufgenommen". Und so klingt "Backspacer" dann auch. Ungemein vital, druckvoll und in sich stimmig. Ein Album, das jede Menge guter Laune verbreitet und über einen derart abwechslungsreichen Charakter verfügt, dass es selbst in zehn Jahren - wenn Pearl Jam 30 werden - noch immer nicht langweilig geworden sein sollte. Die Dinosaurier sind im 21. Jahrhundert angekommen!

Wer das nicht glaubt, der kann sich anhand dieses schicken Albumplayers auf der Stelle selbst davon überzeugen:    

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