Live At The Gorge 05/06 (7-CD-Box-Set)

Im Rahmen ihrer Welttournee 2005/06 spielten Pearl Jam drei außergewöhnliche Shows im Gorge Amphitheater, Washington. Die ausverkauften Konzerte vor insgesamt 75.000 Fans am 01.09.2005 (Gorge I), 22.07. (Gorge II) und 23.07.2006 (Gorge III) sind zugleich die am häufigsten heruntergeladenen Shows, seitdem die Band 2005 mit dem Verkauf ihrer digitalen Bootlegs über die offizielle Webseite ihres Fanclubs "Ten Club" begann. Pearl Jam setzten damit rund zwei Millionen Einheiten ihrer Live-Konzerte ab, haben das Programm mit Beginn der laufenden Europatour aber leider eingestellt.
"Live At The Gorge 05/06" ist ein opulentes Box-Set, bestehend aus sieben CDs! Das bedeutet über siebeneinhalb Stunden Musik mit 76 unterschiedlichen Songs. Darunter zahlreiche Raritäten, einige Coverversionen und sämtliche Klassiker der inzwischen 17jährigen Bandgeschichte bis hin zum aktuellen Album "Pearl Jam". Schon die Optik ist ein Augenschmaus: Die stabile Pappbox enthält zwar leider kein Booklet, dafür aber drei verschiedenfarbige, aufklappbare CD-Hüllen. Die Discs sind ebenfalls in unterschiedlichen Farben gehalten. Gorge I kommt in weinrot, Gorge II in ockergelb und Gorge III in blau. Das Artwork stammt von Brad Klausen, die sehr stimmungsvolle Coverabbildung wurde von Ananda Moorman entworfen. Das Ganze gibt es im übrigen auch als exklusive und streng limitierte Ten Club-Edition mit einem zusätzlichen Postkartenset.
Warum gerade Gorge? Gitarrist Mike McCready erklärt das so: "Gorge ist der schönste Ort, an dem ich jemals gespielt habe. Im Hintergrund der Columbia River, das Sonnenlicht mit all seinen Farben, verbunden mit den Fans, die auf einem Hügel sitzen um die Show zu sehen. Das gab uns ein Gefühl des Glücks und der Euphorie". Dass Pearl Jam eine grossartige Live-Band sind, haben sie gerade erst wieder eindrucksvoll mit ihren Konzerten in München (ein Review findet ihr hier) und gestern in Düsseldorf (Review hier) bewiesen. Die drei Gorge-Shows sind jedoch in vielerlei Hinsicht noch einmal etwas ganz besonderes für Band und Fans gleichermaßen.
Gorge I umfasst die ersten drei Discs. Bei diesem als "An Evening With Pearl Jam" angekündigten Konzert sind Pearl Jam ihre eigene Vorgruppe, denn sie starten mit einem wunderbaren Akkustikset in den Abend. Unter den neun Songs finden sich solche Perlen wie "I Believe In Miracles" von den Ramones, "Man Of The Hour" aus dem Soundtrack des Tim Burton Films "Big Fish" oder das erstmals nach sieben Jahren wieder live gespielte "Hard To Imagine". Im Mainset feiert dann "Undone" seine Livepremiere, dazu kommen weitere Highlights: "I Won`t Back Down" von Tom Petty (das in der ursprünglichen Download-Version wegen technischer Probleme noch fehlte), "Last Kiss" (J. Frank Wilson And The Cavaliers) und insbesondere "Crown Of Thorns" vom 1990er Album "Apple" der legendären Mother Love Bone. Selbst in der Konserve wird die einzigartige Stimmung deutlich. Frontmann Eddie Vedder fordert die Fans immer wieder auf nach Tom Petty zu rufen, der an den beiden Folgetagen in Gorge spielte ("Hello Tom! Come down, Tom!") und als er sich während "Better Man" verspielt, sagt er: "Das wäre Tom Petty niemals passiert. Er ist ein Profi. Der übt." Ein Teil der Einnahmen dieses Konzertes wurde seinerzeit an die Opfer des Hurricans Katrina gespendet. Es wird ausgiebig gejammt. So dehnt die Band "Porch", im Original dreieinhalb Minuten lang, auf über sieben Minuten aus. Hinzu kommen Live-Raritäten wie "Low Light" oder "Sad".
Die CDs vier und fünf gehören Gorge II. Auch hier liefern Pearl Jam ein spektakuläres Set ab. Beispielsweise die beiden Coverversionen von "Baba O`Riley" (The Who) und "Rockin` In The Free World" (Neil Young). Darüberhinaus eine fulminante Ausgabe von "Even Flow", mit herrlichen Soli des Schlagzeugers Matt Cameron und Mike McCready. "Dirty Frank" wird gar das erste Mal seit 1994 wieder komplett gespielt. Im Schlusssong "Yellow Ledbetter" streut McCready dann noch passenderweise "The Star Spangled Banner" ein, die amerikanische Nationalhymne.
Gorge III steht dem allem in nichts nach. Absoluter Höhepunkt dieser Show ist sicherlich "Little Wing", das erstmals seit 1995 wieder in einer Pearl Jam-Setliste auftaucht. Oder die Coverversion von "Crazy Mary" (im Original von Victoria Williams), der Boom Gaspar, seit 2003 quasi das sechste Bandmitglied, auf seiner Hammond-Orgel einen ganz neuen Sound verleiht. Nicht zu vergessen die geile Version von Neil Young`s "Fuckin` Up" oder die eher selten gespielten "God`s Dice", "Rats" und "Satan`s Bed". Dass alle Aufnahmen von Brett Eliason neu gemixt und gemastered wurden, muss wohl nicht eigens erwähnt werden. Entgegen den bereits erhältlichen Audio-Bootlegs jedoch noch einmal ein hörbarer Fortschritt. Insbesondere Gorge I klingt im Gegensatz zur ursprünglichen Fassung doch sehr viel fetter.
Im Ergebnis kann es für "Live At The Gorge 05/06" nur die Höchstwertung geben. Eigentlich wären dreimal neun Punkte angebracht. Nicht nur die Verpackung ist jeden Cent wert. Pearl Jam haben es geschafft drei wundervolle Konzertabende zu zelebrieren und die Atmosphäre so einzufangen, dass man beim Hören förmlich glaubt zusammen mit den Fans auf der grünen Wiese zu sitzen und am Horizont die Sonne untergehen zu sehen. Ten Club-Chef Tim Bierman beschreibt dies "als die Kombination aus dem heißen Wetter, dem landschaftlich einzigartigen Ort und den heimischen Fans, die uns drei unvergessliche Nächte beschert haben". Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Kaufen und genießen!