Pearl Jam

Pearl Jam Twenty (2CD)

Veröffentlicht: 16.09.2011 / Monkeywrench / Columbia / Sony Music

Von: Thomas Kröll

Pearl Jam

Prag im November 1996. Wir sind mit dem Nachtzug von Köln aus in die tschechische Hauptstadt gefahren, um zum ersten Mal in unserem Leben Pearl Jam live zu sehen. Der Kartenkauf war mühsam und etwas glücklich, denn die grossen Online-Anbieter von heute existierten damals noch nicht. So ist vor lauter Vorfreude auch an Schlaf kaum zu denken. Nun stehen wir also mit Tausenden anderer Fans vor der Prager Sporthalle und warten darauf, dass sich die Türen öffnen. Aber sie öffnen sich nicht. Stattdessen heißt es, dass ein Truck mit Equipment unterwegs in einem Schneesturm feststeckt und das Konzert auszufallen droht, sollte er es nicht rechtzeitig schaffen. Was tun? Die Masse an Leuten ergießt sich in die umliegenden Kneipen, die an diesem Tag das Geschäft ihres Lebens machen. Man prostet sich gegenseitig Mut zu, teilt Hoffnungen und Erwartungen, knüpft Kontakte und erfährt, dass manche einen noch viel weiteren Weg als wir hinter sich haben. Nach über zwei Stunden dann die erlösende Nachricht: Das Konzert findet statt! Es wird doch noch ein fantastischer Abend...

So sah meine erste "Begegnung" mit Pearl Jam aus und es gibt sicherlich unzählige Leute, die andere Geschichten erzählen könnten. In 20 Jahren kommt halt so einiges zusammen. Am 27. August 1991 erschien ihr Debütalbum "Ten" und acht weitere oder 40 Millionen verkaufte Studioalben später, gelten Pearl Jam als "die letzten Überlebenden des Grunge". Das will gefeiert werden und das Quintett aus Seattle haut dafür kräftig auf die Kacke. Anfang September gab es bereits ein grosses "Anniversary Concert Weekend" im Alpine Valley Music Theatre in East Troy, Wisconsin. Dem folgte vor wenigen Tagen ein opulentes Buch mit dem Titel "Pearl Jam Twenty", das vom legendären US-Musikjournalisten Jonathan Cohen gemeinsam mit Mark Wilson zusammengestellt und verfasst wurde. Kommende Woche feiert dann die gleichnamige Dokumentation von Oscar-Preisträger Cameron Crowe Premiere in den deutschen Kinos. Der DVD-Release des Films ist für den 21. Oktober vorgesehen. Und dazwischen erscheint nun dessen Soundtrack als Doppel-CD, der all jene 29 Songs enthält, die Crowe für seinen Film ausgewählt hat. Dem Vernehmen nach standen ihm dabei über 1.200 Stunden seltenes und unveröffentlichtes Band-Footage zur Verfügung. Er hat seine Wahl wirklich ausgesprochen gut getroffen und zahlreiche Schätzchen ausgegraben. "Hier sind einige der denkwürdigen Stopps auf der erstaunlichen Reise durch das Leben von Pearl Jam", schreibt er im Booklet.

In der Tat ist "Pearl Jam Twenty" selbst für altgediente Fans eine wahre Fundgrube geworden. Und es ehrt die Band, dass sie kein von vorne bis hinten remastertes Hochglanzprodukt auf den Markt geworfen, sondern den ursprünglichen Charme der zum Teil uralten Aufnahmen erhalten hat. Auch wenn diese (wie "Garden" oder "Why Go") so klingen, als seien sie durchs Telefon mitgeschnitten worden. Die älteste Aufnahme ist "Alive", wohl das Pearl Jam-Stück schlechthin, das die Band im Dezember 1990 noch unter ihrem ursprünglichen Namen "Mookie Blaylock" und genau zwei Monate nach ihrem ersten Konzert überhaupt im Moore Theatre von Seattle spielte. Hinzu kommen Live-Songs, Radio-Sessions, Soundchecks und Demos, zu denen es im Booklet ausführliche Liner-Notes von Cameron Crowe gibt (die die Geschichte hinter jedem einzelnen Stück erzählen) und dazu jede Menge Fotos. Erwähnenswert ist ebenso die hochwertige und liebevolle Aufmachung in Form eines kleinen Buches.

Musikalische Höhepunkte finden sich auf "Pearl Jam Twenty" reichlich. Neben "Alive" sind das vielleicht die frühen Rocker "Blood" und "Last Exit", das ungemein intensive "Black" vom MTV Unplugged-Auftritt 1992 oder das herrlich unkitschige "Thumbing My Way". Mit Sicherheit aber "Crown Of Thorns", ein grossartiges Cover des Pearl Jam-Vorläufers Mother Love Bone, die Holiday-Single von 1991 "Let Me Sleep (It's Christmas Time)", hier aufgenommen in einem unbeobachteten Moment irgendwo im Verona des Jahres 2006 oder "Walk With Me" als Duett mit Neil Young. Nicht zu vergessen das siebenminütige "Say Hello 2 Heaven" vom unvergessenen "Temple Of The Dog"-Album, das 1991 Mitglieder von Pearl Jam und Soundgarden zum Gedenken an den im Jahr zuvor verstorbenen Mother Love Bone-Sänger Andrew Wood zusammenführte. Die Liste ließe sich noch sehr viel weiter führen, aber schließlich soll das hier eine CD-Besprechung sein und kein weiteres Buch werden. Es mag sich jeder seine Perle(n) selbst herauspicken.

Vermutlich wird die Musik in Verbindung mit den Bildern des Films noch besser wirken. Aber auch ohne visuelle Unterstützung lässt "Pearl Jam Twenty" wieder Erinnerungen an solch legendäre Konzerte wie jenes vor 15 Jahren in Prag, an weitere Trips auf den Spuren der Band im In- und Ausland oder einfach nur an die gespannte Erwartung lebendig werden, mit der man nach wie vor jedes neue Pearl Jam-Album in Empfang nimmt. Selbst jene, die für die Band nur noch ein "Was, die gibt es auch noch?" übrig haben, dürfen sich gerne davon überzeugen, dass Pearl Jam auch heute noch genauso lebendig klingen wie vor 20 Jahren. Und es hoffentlich noch lange tun! 1995 sangen sie in "Long Road": "Will I walk the long road, cannot stay, there's no need to say goodbye"... Noch Fragen? Ach ja, Höchstwertung!

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