Pearl Jam

Pearl Jam

Veröffentlicht: 28.04.2006 / J Records / SonyBMG

Von: Thomas Kröll

Pearl Jam

Wenn ein Album von Pearl Jam erscheint, ergibt sich für mich jedes Mal das Problem, dass ich dem Release mit großen Erwartungen entgegenblicke. Ich muss an dieser Stelle aber natürlich weniger Fan als vielmehr objektiver Betrachter sein. Garnicht so einfach...

Durch die erste Singleauskopplung „World Wide Suicide“ (beachtet dazu auch unser Gewinnspiel!) oder das grossartige Promotion-Konzert in London am 20. April, bei dem acht der neuen Songs gespielt wurden, konnte man sich bereits einen ersten Eindruck verschaffen, in welche Richtung „Pearl Jam“ gehen würde. Die leicht intellektuelle Schwermütigkeit des Vorgängers „Riot Act“ von 2002 ist einer kraftstrotzenden Fröhlichkeit und Lebendigkeit gewichen. Es darf sogar, wie im Opener „Life Wasted“, wieder gelacht werden.

Die ersten vier Tracks sind Rock pur! Ab und an schimmert ein leicht punkiger Einschlag durch („Comatose“). Eddie Vedder`s Stimme klingt so schön rau und energiegeladen wie in den Anfangstagen des Quintetts aus Seattle. Dazu passt, dass sich seine Haare inzwischen auch wieder zu einer respektablen Matte ausgewachsen haben. „Comatose“ kannte man schon unter dem Titel „Crapshoot“ von Pearl Jam`s Auftritt bei Easy Street Records in ihrer Heimatstadt Ende April des vergangenen Jahres. Nicht nur dieser Song beweist, dass Leadgitarrist Mike McCready zu den Besten seiner Zunft zählt. Das Intro zu „Army Reserve“ erinnert zwar ein wenig an den Kollegen The Edge von U2, aber allein bei seinem Solo am Ende von „Severed Hand“ erzittern nicht nur die Boxen vor Ehrfurcht.

Nach einem solcherlei fulminanten Auftakt wird es mit „Marker In The Sand“ erstmals eine klitzekleine Spur ruhiger. Das Stück gibt einem das Gefühl sommerlicher Unbeschwertheit. Herrlich! „Parachutes“ lässt mich sofort an die geniale Einfachheit alter Beatles-Klassiker denken und ist am ehesten mit „Around The Bend“ von Pearl Jam`s 96er-Album „No Code“ zu vergleichen.

„Unemployable“ drückt dann wieder mehr aufs Gaspedal. Ein Midtempo-Rocker der Marke „The Who“. Mit „Big Wave“ nehmen Pearl Jam anschließend volle Fahrt auf. Der Song wird von McCready`s Gitarre vorangetrieben und lässt kaum Zeit zum Luftholen. Das kann man bei „Gone“ nachholen, einer Ballade in der Tradition solcher Perlen wie „Man Of The Hour“ (aus dem Soundtrack des Tim Burton-Films „Big Fish“ von 2003). „Gone“ wurde auf der letztjährigen Tour bereits zweimal live „angetestet“ und sollte zudem allen Mitgliedern des TenClub, dem offiziellen Pearl Jam-Fanclub, in einer Akkustik-Version bereits von der Christmas-Single 2005 bekannt sein.

Der in Wirklichkeit intensivste Moment des Albums ist gleichzeitig der Kürzeste: „Wasted Reprise“ ist nur 50 Sekunden „lang“. Vedder singt hier lediglich den Refrain von „Life Wasted“ zur Orgelbegleitung von Boom Gaspar und vereinigt dabei allen Schmerz dieser Welt in sich. Erinnert an seinen beeindruckenden Auftritt zusammen mit Neil Young vor fünf Jahren beim „Tribute To Heroes“ für die Opfer des 11. September.

Doch damit genug der Trübsal! „Army Reserve“ zeigt Vedder wieder von seiner wütenden Seite. Kein Wunder, handelt der Song doch von der Zerrissenheit einer Familie, die ihren Sohn und Vater im Krieg weiß. Die Gitarre klingt wie ein Maschinengewehr. Man muss kein Prophet sein, um annehmen zu können, dass damit der Irak-Feldzug von George W. Bush gemeint ist. Die Interpretation der übrigen Texte (alle im Booklet) überlasse ich euch aber gerne selber. Eddie Vedder ist nicht gerade dafür bekannt eindeutige Botschaften zu verteilen.

Wobei das folgende „Come Back“ in dieser Beziehung keine allzu großen Rätsel aufgeben dürfte. Doch noch mal eine Spur Trübsal, verpackt in einer Bluesmelodie und nur unterbrochen von einer weinenden Gitarre. Für mich der einzig schwächere Moment auf „Pearl Jam“. Dafür ist das über sieben Minuten lange „Inside Job“ ein mehr als krönender Abschluss. Das Stück versprüht einen Hauch Hippie-Coolness aus den 70ern und hätte auch bestens auf das „Apple“-Album der seligen Ur-Grunger Mother Love Bone von 1989 gepasst.

Eddie Vedder hat „Pearl Jam“ im Vorfeld als „neuen Motor“ für die Band bezeichnet. Folgt man seinem Bild, dann ist das Album eine Dreizehn-Zylinder-Maschine geworden. Alle Mitglieder waren am Songwriting beteiligt und Pearl Jam klingen frischer denn je. Ohne sich dabei selbst zu kopieren oder Altbekanntes aufzuwärmen. Bei allen Bemühungen um eine kritische Distanz hat sich mir noch keines ihrer acht Studioalben so schnell erschlossen wie dieses.

Der Begriff „Wiederauferstehung“ ist in dem Zusammenhang wohl zu groß, auch wenn sich Pearl Jam im CD-Tray selbst als eine Art Zombies auf die Schippe nehmen. Dennoch dürfte das Album der Band jede Menge neuer Fans bescheren, ohne gleichzeitig die alten zu enttäuschen. Neu insbesondere aus den Reihen derer, die zu Zeiten des Grunge-Hypes Anfang der 90er die Melodie ihrer Spieluhr noch für das musikalische Maß aller Dinge hielten. Zufall oder Absicht? „Pearl Jam“ klingt mit fast genau einer solchen Melodie aus. Der Vorteil? Jetzt könnt ihr sie selbst so oft und so laut aufdrehen wie ihr wollt! „As the curtain comes down, I feel that this is just goodbye for now“ (aus „Man Of The Hour“)!

Am 23.09. gibt es in der Berliner Wuhlheide übrigens das bisher einzige Deutschlandkonzert der anstehenden Pearl Jam-Europatournee. Über eventuelle Zusatzkonzerte und die kompletten Europadaten könnt ihr euch unter www.pearljam.com/tour/ auf dem Laufenden halten. Und noch bis zum 7.Mai ist bei Amazon.de das Video zur nächsten Single „Life Wasted“ zu sehen.

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