Rearviewmirror (Greatest Hits 1991 - 2003)

Man merkt, es geht stramm auf Weihnachten zu. Das ist dann üblicherweise die Zeit, an der sich alle möglichen Künstler dazu entschließen, schnell noch was sinnvolles für`s Bruttosozialprodukt zu tun und ein „Best of“- oder wahlweise „Greatest Hits“-Album auf den Markt zu werfen. In diesem Jahr wurden zum Beispiel Seal, Neil Young, Genesis oder Tina Turner von dieser Art der Nächstenliebe beseelt. Ja, sogar Britney Spears durfte es diesmal versuchen...
Und eben Pearl Jam. Wobei die dazu vertraglich „gezwungen“ waren (der Plattendeal mit Sony nahm damit sein vorher festgelegtes Ende). Gerüchten zufolge wollte sich die Band dann auch zunächst möglichst wenig bis überhaupt nicht an diesem Projekt beteiligen, um sich nicht des (unberechtigten) Vorwurfs nach einem Ausverkauf auszusetzen. Zum Glück haben sie sich letzlich wohl anders entschieden. Wer weiß, was bei „Rearviewmirror“ herausgekommen wäre, hätte man einen Labelmenschen mit der Songauswahl alleine gelassen? Und das bei 33 Tracks...
So aber ist eine Compilation entstanden, die ich an meinem heimischen CD-Brenner kaum besser hätte hinkriegen können. Hinzu kommt ein nettes Booklet mit zahlreichen Fotos (Jeff Ament und Lance Mercer) von vorgestern bis heute. Da gibt`s ein Wiedersehen mit Dave Krusen, dem ersten Pearl Jam-Drummer, Eddie Vedder mit Irokesenfrisur oder die Metarmorphose von Mike McCready vom spargelartigen Junkie hin zum gesundgenährten Rockmusiker zu bestaunen. Aber verändert haben wir uns ja alle in den vergangenen 13 Jahren...
1991 wurde mit Nirvana`s „Nevermind“ der sogenannte „Grunge“ losgetreten und in Seattle und Umgebung wurde jeder Kuh, die zwei unterschiedliche Töne furzen konnte, gleich ein unterschriftsreifer Plattenvertrag unter die dicke Nase gehalten. Seitdem haben leider viel zu viele gute Bands jener Zeit aufgehört zu existieren: Nirvana sowieso, aber auch Soundgarden, Alice In Chains, oder die Screaming Trees (um nur einige zu nennen) werden heute angesichts des immer weniger künstlerischen, als vielmehr künstlichen Einheitsbreis in den Charts schmerzlicher denn je vermisst.
„Rearviewmirror“ beweist eindrucksvoll, warum Pearl Jam hingegen immer noch ihr eigenes Ding mit Erfolg durchziehen können. Weil sie schlicht und ergreifend geniale Musik machen!
Angefangen bei „Ten“ (1991), von dem hier „Even Flow“, „Jeremy“, “Black“, „Once“ und das allseits bekannte „Alive“ zu hören sind. Die letzteren drei als Remixes von Brendan O`Brien, der auch schon das zweite Pearl Jam-Album „Vs“ (1993) produzierte. Diese Version von „Even Flow“ war so bisher übrigens nur auf der „Alive“-Single erhältlich.
„Vs“ war ein Album, das damals vielleicht an der Erwartungshaltung etwas zerbrach und vielfach immer noch unterschätzt wird. Dabei hat es der Welt solche Perlen wie „Animal“, „Go“, „Daughter“, „Dissident“, „Elderly Woman behind a Counter in a small Town“ oder eben „Rearviewmirror“ geschenkt.
1994 folgte dann das etwas eigensinnige „Vitalogy“ mit dem wundervollen „Nothingman“, dem nicht minder traumhaften „Betterman“, „Spin the black circle“, „Not for you“, mit “Corduroy” oder dem elegisch-schönen “Immortality”.
“No Code” von 1996 gilt bei vielen immer noch als das bisher beste Album von Pearl Jam. Mit „Who you are“, „Off he goes“ und „Hail, Hail“ haben es aber leider nur drei Songs davon in diese Auswahl geschafft.
1998 folgte dann „Yield“, das mit „Given to fly“, „Wishlist“ und „Do the Evolution“ vertreten ist. Für diesen Song gaben Pearl Jam auch ihre bis dahin jahrelange Verweigerungshaltung auf und produzierten erstmals wieder einen Videoclip (als Comicstrip in Zusammenarbeit mit Todd McFarlane).
„Binaural“ (2000) zeigte Pearl Jam dann zum ersten Mal sehr gereift. „Nothing as it seems“ und „Light Years“ gehören dann auch zur eher ruhigen Fraktion. Schließlich 2002 das bisher letzte Studioalbum „Riot Act“. „I am Mine“ und „Save you“ haben sich den „Greatest Hits“-Status verdient.
Als Besonderheiten kommen dann noch einige Songs hinzu, die es auf keinem der regulären Alben zu finden gibt: So „Breath“ und „State of Love and Trust“ (beide von 1992) aus dem Soundtrack des Cameron Crowe-Films “Singles” (in dem übrigens auch Pearl Jam, Soundgarden und Alice In Chains tragende Rollen innehaben). Oder „I got ID“, das auf dem 1995 erschienenen “Merkinball”-Album (mit Neil Young) veröffentlicht wurde. “Last Kiss” (1998) war ursprünglich nur eine limitierte “Christmas-Single” für die Mitglieder des “Ten-Club”, dem offiziellen Fanclub der Band. “Man of the Hour” ist ein wunderschöner Song aus dem Soundtrack zu Tim Burton`s letztem Film „Big Fish“ (2003) und “Yellow Ledbetter” schließlich gab es im Original nur als B-Seite der „Jeremy“- und „Daughter“-Singles (1992).
Und wer genau hinhört, wird auch bei dem ein oder anderen Song noch so manchen Unterschied zum Original feststellen können (z.B. bei „Save you“ oder „Who you are“). Aber das ist nun wirklich nur was für die Hardcorefans...
Pearl Jam haben mit „Rearviewmirror“ jedenfalls das Beste aus dieser „Greatest Hits“-Geschichte gemacht! Angefangen bei der schon fast liebevoll zu nennenden Songauswahl (wobei natürlich jedem noch der ein oder andere Song fehlen wird...), über das geschmackvolle Artwork bis hin zur Tatsache, dass CD 1 eher die rockigen Nummern enthält und CD 2 die eher leiseren Stücke. Eine gute Aufteilung! Und dass mit „Yellow Ledbetter“ genau der Song am Schluss dieses Albums steht, mit dem traditionell auch fast alle Konzerte der letztjährigen Tour endeten, würde ich als durchaus charmant bezeichnen. Deshalb auch ohne rosarote Brille: Volle 9 von 9!