Ten (Deluxe Edition)

Man schrieb das Jahr 1991, als Pearl Jam der Musikwelt mit "Ten" ihr erstes Album schenkten. 1992 gab es noch eine "European Version", die neben den ursprünglichen 11 Songs drei zusätzliche Bonustracks enthielt. "Ten" war prägend für die sogenannte Grunge-Ära. Chucks und Holzfällerhemden hielten Einzug in unsere Kleiderschränke, wer konnte trug seine Haare lang und möglichst ungekämmt. Es war die bisher letzte grosse musikalische Revolution und Pearl Jam sind eine der wenigen Bands, die den anschließenden Ausverkauf der Marke "Grunge" bis heute unbeschadet überstanden haben.
"Ten" wurde am 27.08.1991 veröffentlicht und ging seitdem weltweit über 12 Millionen Mal über die Ladentische. Und auch wenn bis zum Release-Jubiläum der legendären Scheibe noch etwas mehr als zwei Jahre vergehen, läutet der aktuelle Re-Release schon jetzt eine einmalige Aktion ein: Nach und nach soll der gesamte Pearl Jam-Katalog bis zum 20-jährigen Bestehen der Band im Jahr 2011 neu aufgelegt werden! "Ten" erscheint dabei in gleich vier verschiedenen Reissue-Versionen: Als Legacy Edition (Doppel-CD im Mini-LP-Slipcase), Vinyl Collection (Doppel-LP), umfangreiche Super Deluxe Edition (Doppel-CD plus DVD, 4 LPs, Cassette und diversen Memorabilia) und als Deluxe Edition, wie sie uns zur Besprechung vorliegt. Diese bietet, wie alle anderen Editionen auch, ein digitales Remaster (CD 1) und einen digitalen Remix des Original-Albums vom langjährigen Pearl Jam-Produzenten Brendan O`Brien plus sechs Bonus-Songs (CD 2) sowie eine DVD mit dem bisher unveröffentlichten Aufritt der Band bei MTV Unplugged 1992. Aber der Reihe nach.
Zunächst fällt das veränderte Cover auf. Alleine die Verpackung in einer edlen und stabilen Pappbox ist ein Augenschmaus. Darin findet sich ein 38-seitiges Booklet mit jeder Menge Fotos, handgeschriebenen Notizen von Sänger Eddie Vedder, Backstagepässen, Stickern, Zeitungsausschnitten, Tickets und sonstigen Sammlerstücken. CD 1 klingt auffallend fetter als das Original, was aber auch keine Kunst ist, klang dieses doch arg dünn, was wir an dieser Stelle mal dem damaligen Produzenten Rick Parasher in die Schuhe schieben. Apropos, damals saß noch Dave Krusen am Schlagzeug, der Rest der Band ist nach wie vor derselbe: Jeff Ament (Bass), die beiden Gitarristen Stone Gossard und Mike McCready, dazu Eddie Vedder (Vocals). Die eigentlichen Unterschiede hört man jedoch so richtig erst mit dem Remix auf der zweiten CD heraus, auch wenn sie womöglich nur ein geübtes Ohr wahrnimmt. Vedders Gesang ist sehr viel voluminöser, er schwebt jetzt quasi über der Musik ("Alive"), bei "Why Go" hat er zusätzlichen Hall in der Stimme. Auch die musikalischen Nuancen sind von O`Brien deutlicher herausgearbeitet, insbesondere bei "Garden" oder den Gitarren in "Porch". Dazu kommen die Bonustracks, die allerdings nicht gänzlich unbekannt sind. So erschien "Brother" bereits auf der 2003er Compilation "Lost Dogs" und "State Of Love And Trust" im Rahmen des "Singles"-Soundtracks von 1992, wobei der "Ten" Re-Release das Stück in einem famosen Rough-Mix bereithält, der jede Menge Proberaum-Atmosphäre versprüht. "Just A Girl" klingt für Pearl Jam-Verhältnisse fast schon psychedelisch, während "2.000 Miles Blues" schon dem Titel nach ein reinrassiger Bluessong ist, in dem besonders Mike McCready glänzen kann. Aus "Breath And A Scream" wurde später schlicht "Breath" (ebenfalls vom "Singles"-Soundtrack) und das abschließende "Evil Little Goat" ist ein schräger und unvollendeter Spontan-Jam. Ich möchte keine Vergleiche zu den späteren Alben ziehen, doch "Ten" ist und bleibt ein Fixpunkt in der Geschichte von Pearl Jam, nicht nur weil es das Debütalbum war. Dass es von vorne bis hinten nur grossartige Songs enthält, wird einem aber anhand des Reissues nochmal beeindruckend deutlich vor Ohren geführt.
Abgerundet wird das Package von einer DVD mit Pearl Jams MTV Unplugged-Auftritt in den Kaufman Astoria Studios von Queens (New York) am 16.03.1992. Eine fantastische und ungemein intensive Performance, gerade von Eddie Vedder (an den Drums saß mittlerweile Dave Abbruzzese statt Dave Krusen). Das Studio ist mit grossen Netzen abgehangen, ansonsten gibt es keinerlei Schnickschnack. Die Band sitzt auf Barhockern im Kreis, was Vedder von Anfang an spürbar zu statisch ist. Aber auch so strahlt er eine ungeheure Kraft aus, nicht nur gesanglich. In knapp 37 Minuten spielt das Quintett sieben Songs, darunter das zuvor nie gezeigte "Oceans". Eigentlich waren es acht Stücke, aber die Zugabe "Rockin` In The Free World" (ein Neil Young-Cover) wurde weder bei MTV jemals gesendet, noch ist sie auf der DVD enthalten und kursiert so weiter nur als Bootleg. Schade! Außerdem spielten Pearl Jam die Songs "Porch" und "Even Flow" live in umgekehrter Reihenfolge als von MTV ausgestrahlt. "Even Flow" war 1992 die erste Zugabe, wird aber auch hier vor "Porch" gezeigt. Wahrscheinlich passte das besser als dramaturgischer Schlusspunkt, schreibt sich Eddie Vedder während "Porch" doch "Pro Choice" auf den Arm (ein Statement für die Abtreibungsrechte von Frauen), fällt von seinem Hocker oder balanchiert bäuchlings und im Stehen darauf herum. Wer aber genau hinschaut, erkennt auf der DVD schon beim vorhergehenden "Even Flow" die drei Ausrufezeichen hinter dem "Pro Choice"-Schriftzug an seinem Handgelenk. "It didn`t feel like a TV Show at all", sagt er am Ende und hat recht, denn dieser Abend in Queens ging als Meilenstein in die Geschichte der MTV-Serie ein.
Wer Anfang der Neunziger bereits hautnah dabei war, kann mit dem "Ten" Re-Release nun noch einmal wunderbar in Erinnerungen schwelgen. Neue Fans werden Pearl Jam damit zwar kaum gewinnen, aber das ist wohl auch nicht die Absicht. Für die alteingesessenen Fans der Band lohnt sich in erster Linie die Super Deluxe Edition, stellt sie im Vergleich zu allen anderen Versionen doch den grössten Mehrwert dar. Ich jedenfalls freue mich schon jetzt auf die kommenden Wiederveröffentlichungen. Wo sind eigentlich meine alten Flanellhemden geblieben?