Phillip Boa & The Voodooclub

Decadence & Isolation

Veröffentlicht: 29.08.2005 / Motor / Warner

Von: Thomas Kröll

Phillip Boa & The Voodooclub

Ich gebe gerne zu, dass ich mit Phillip Boa nie so wirklich warm geworden bin. Irgendwie war mir der Mann immer ein wenig zu suspekt, seine Musik nicht greifbar genug. Hier und da ist man sich zwar mal über den Weg gelaufen (z.B. im vergangenen Jahr als Support von New Model Army), aber von einer „Boaphenia“ war ich stets so weit entfernt wie Heino vom Drogentod.

So habe ich anfangs auch ziemlich gezögert, als „Decadence & Isolation“ in meinem Reviewkörbchen lag. Bloß nicht die Finger verbrennen. Eine, wenn auch undurchsichtige, musikalische Grösse ist Boa ja dann doch für viele. Kann das nicht jemand anderer machen? Nee, kann nicht! Also gut... ich wappnete mich innerlich gegen viel Elektronik mit ein bisschen Gitarre und Gesang. In Gedanken formulierte ich schon mal einen Verriss und dachte an die vielen bösen Einträge eingefleischter Boa-Fans in unserem Gästebuch.

Haha! Überraschung! Bereits nach dem ersten Durchhören merke ich, dass das Teil hier verdammt viel Laune macht. Das ist Phillip Boa? Hat der die Pixies getroffen? Oder Sisters Of Mercy? Oder Dinosaur Jr.? Oder gar alle drei auf einmal? Dann geht mir so langsam ein Kronleuchter auf. Mit Swen Meyer (Tomte, Kettcar) und Gordon Raphael (The Strokes) sitzen da zwei Herren am Produzentenpult, die allem anderen als dem Verdacht unterliegen, auf elektronische Spielereien zu stehen. Transparenter, trockener und präzise schneidender als diesmal hat man die Gitarren bei Boa wahrscheinlich noch nie gehört!

„Decadence & Isolation“ ist dessen inzwischen 14. Studioalbum und obwohl ich die übrigen dreizehn kaum kenne, gehe ich mal automatisch davon aus, dass es sein bisher Bestes sein muss. Sonst hab ich wirklich was verpasst! Pia Lund ist natürlich auch wieder mit von der Partie. Ihre vermeintlich so brüchig klingende Stimme bildet einen gleichsam wundervollen Kontrast wie eine ideale Ergänzung zu Boa`s rauchigem Timbre.

Stücke wie „Making Noise since 85“ oder besonders das jetzt schon zeitlose „God`s Train“ lassen einen die alten Chucks aus dem Schrank kramen, ein paar Kumpels anrufen, um mit ihnen bei einem Sixpack entspannt und sorglos im Park den sonnigen Tag zu genießen. Das waren noch Zeiten! „Schnappi“ und „NuPagadi“ waren noch keine real existierenden musikalischen Albträume. An Hosen, die umso moderner sind, je tiefer sie in den Kniekehlen schlabbern, dachte niemand. Menschenhaltung in Containern war noch strengstens verboten. Nur wir und die Musik! Was kostet die Welt?

Dass nun ausgerechnet Phillip Boa dafür einen verspäteten Soundtrack liefert ist schon fast eine Ironie der Geschichte – galt (und gilt) doch gerade er immer als der „German Lord of Indie“. Vielleicht hab ich das auch nur nie richtig verstanden...

Das hier ist Rock! Da wird 11 Songs lang geschrammelt, dass es eine Freude ist. Mal in freundlichem Ton, mal wütend, dann wieder schon fast sehnsüchtig – schon lange hatten wir nicht mehr soviel kindlichen Spass am ewig getrommelten, lebensspendenden Krach wie auf „Decadence & Isolation“. Zu „And when the magic fades“ kann man sogar Disco tanzen. Aber nur wenn es sein muss und dann bitte heimlich!

Sollte ich Phillip Boa das nächste Mal treffen, muss ich auf jeden Fall und unbedingt daran denken, ihm seine heldenhaft verdienten 9 Sterne in die Hand zu drücken. Und wenn er zufälligerweise noch den Kerl dabei hat, der während eines jeden Songs mindestens einmal mit tonloser Stimme „Diese CD ist ausschließlich für Promotionzwecke bestimmt“ sagt, drehe ich dem bei der Gelegenheit gleich noch den Hals um. Dann wäre die Welt wieder vollends in Ordnung!

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