Recordings

Nur 20.000 Exemplare wurden im Jahr 2001 von Porcupine Trees "Recordings" gepresst – eine Kompilation, die eher aus der Not heraus geboren und auf den Markt gebracht wurde, um das sehr kostenaufwändige Touren der damals noch eher unbekannten Stachelschweinbäume überhaupt finanzieren und eingefahrene Verluste kompensieren zu können. Aus dem abzusehenden Ausverkauf des Albums resultierten viele lange Gesichter besonders unter den zahlreichen Fans, die erst in den vergangenen Jahren neu hinzugekommen sind und natürlich auch die älteren Veröffentlichungen der Band ihr Eigen nennen wollten. Auf eBay, Amazon und Co. gingen seither astronomische Summen für eine limitierte Edition mit ihrem schier unermesslichen Sammlerwert über den virtuellen Ladentisch. Damit dürfte jetzt Schluss sein, denn die unaufhaltsam aufstrebende englische "Artrock"-Band um Mastermind und Workaholic Steven Wilson (Blackfield, No-Man, Bass Communion, Solo-Projekte u. a.) veröffentlicht nun eine Neuauflage der wohl begehrtesten (älteren) Platte der Bandgeschichte.
Die neun Kompositionen entstanden zwischen 1998 und 2000 zum größten Teil während der Sessions zu den zwei poppigsten und eingängigsten Werken der Band – "Stupid Dream" (1999) und "Lightbulb Sun" (2000), damals noch mit Chris Maitland am Schlagzeug. Bei "Recordings" handelt sich allerdings keineswegs um eine zweitklassige, lieblos zusammengewürfelte Kompilation aus B-Seiten und Demos. Lediglich aus Gründen des Spielflusses schafften es die vorher überwiegend nur auf diversen Single-Auskopplungen als Bonus erhältlichen Stücke nicht auf die beiden oben genannten regulären Alben.
Der Hörer bekommt bei "Recordings" in über einer Stunde Laufzeit zweifelsohne Qualitätsware vorgesetzt, angefangen mit einem Porcupine Tree-Klassiker, "Buying New Soul", das (ausnahmsweise) speziell für dieses Album geschrieben wurde. In den über zehn Minuten wird man von melancholischen Pianoklängen, verträumtem Gesang, Akustikgitarre und jazzigen Zupfeinlagen Colin Edwins am Kontrabass getragen. Eine gekürzte Version dieses Songs war in den vergangenen Jahren auf Konzerten immer wieder Bestandteil des Sets. Es folgt mit "Access Denied" ein wesentlich quirligerer und kürzerer Titel, anschließend mit "Cure For Optimism" eine wunderschöne Ballade, deren Mittelstück von einer bedrückenden, düsteren Atmosphäre eingerahmt ist. Hinter dem Song mit dem weniger einfallsreichen Namen "Untitled" verbirgt sich eine dafür umso kreativere Live-Studio-Improvisation, die ein wenig an "Metanoia" (1998) oder auch an die noch frühere "Moonloop"-Improvisation erinnert. "Ambulance Chasing" stellt fast alle anderen Instrumentals der Band in den Schatten. Hervorzuheben ist hier besonders Maitlands exzellentes Drumming, der gelungene Gastauftritt von Theo Travis (Flöte, Saxophon) sowie die floydige und teils psychedelische Stimmung, die mit den Synth-Klängen von Richard Barbieri (ehemals Mitglied der längst aufgelösten Band Japan) und den Gitarren erzeugt wird. Mit einem weiteren Klassiker, der legendären 14-minütigen Vollversion von "Even Less", wird gleichzeitig das letzte dicke Ausrufezeichen kurz vor Ende des Albums gesetzt und man wird auf eine abschwechslungsreiche, nie langweilig werdende Klangreise geschickt. Etwas unspektakulär, aber dennoch irgendwie stimmig, endet "Recordings" mit dem gemächlichen Instrumentalstück "Oceans Have No Memory".
Die Dichte an hervorragenden Stücken ist auf "Recordings" derart hoch, dass sich andere Bands mit Sicherheit die Finger nach dieser vermeintlichen "Ausschussware" lecken würden. Musikliebhabern, denen Porcupine Tree noch kein Begriff ist, sei gesagt, dass die Band seit ihrem Durchbruchalbum "In Absentia" (2002) eine etwas härtere Gangart eingeschlagen und sich teilweise auch dem Metal zugewandt hat. Wer eher auf psychedelische, sphärische und teils weite, improvisierte Klanglandschaften steht, ist bei "Recordings" sehr gut aufgehoben, wobei auch die neueren Alben den unverkennbaren Porcupine Tree-Sound beibehalten haben.
Für die Neuauflage der Platte wurde nichts am Sound nachbearbeitet. Abgesehen von der optischen Aufmachung (Digibook) bleibt somit alles beim Alten.