Queensryche

American Soldier

Veröffentlicht: 27.03.2009 / Rhino / Warner Music

Von: Thomas Kröll

Queensryche

Im Labelinfo zu "American Soldier" werden Queensryche als "Meister des Metal-Konzeptalbums" bezeichnet. Dem kann man nur zustimmen. Schließlich schuf die Band aus Seattle 1988 mit "Operation: Mindcrime" einen genreprägenden Meilenstein. Vor zwei Jahren versuchten sie sich dann an einer Fortsetzung, die im Vergleich zum Original jedoch zwangsläufig abfallen musste und der "Take Cover"-Collection, auf der sie Songs einiger Kollegen neu interpretierten. Nun sind Queensryche mit einem "echten" Album zurück und wieder ist es ein Konzeptalbum geworden. Um es vorweg zu nehmen: Das Ergebnis ist grossartig! Endlich klingen sie wieder nach Ryche And Roll!

"American Soldier" ist das definitiv beste Queensryche-Werk seit dem Ausstieg von Gitarrist Chris DeGarmo, der in seiner Zeit bis 1997 (und abgesehen von einem kurzen Zwischenspiel 2003) die musikalische Ausrichtung des Quartetts entscheidend mitprägte und von vielen Fans noch heute schmerzlich vermisst wird. Damit dürfte es jetzt vorbei sein. Frontmann Geoff Tate, DeGarmo-Nachfolger Michael Wilton, Bassist Eddie Jackson und Scott Rockenfield am Schlagzeug haben harten Stoff im Gepäck. Musikalisch, aber vor allem thematisch.

Denn "American Soldier" setzt den Fokus auf die Geschichte der US-Kriege seit dem 2. Weltkrieg und nimmt dabei die Perspektive derjenigen ein, die auf den Schlachtfeldern ihre Köpfe hinhalten, die der Soldaten. Dennoch soll es nicht als ein politisches Album verstanden werden. "Nach fast jeder Show sprachen wir mit Fans, die irgendwie mit dem Militär zu tun hatten. Und je mehr ich mit ihnen sprach, desto stärker wurde der Drang, ihre Geschichte zu erzählen", erklärt Geoff Tate die Intention. Also führte er in den vergangenen beiden Jahren Dutzende von persönlichen Gesprächen mit Veteranen aus verschiedenen amerikanischen Kriegen (u.a. mit seinem Vater, der bei den Marines in Korea und 1968 bei der Air Force in Vietnam diente) und verarbeitete ihre Erinnerungen in 12 neuen Songs. Ausschnitte aus diesen Gesprächen sind auf "American Soldier" zu hören und es sind zum Teil erschütternde Statements darunter: "Oft fühle ich mich dafür verantwortlich, dass ich lebe, dass ich älter werde und jemand anderer nicht" ("Man Down!") oder "Wenn ich zurückkomme, werden mich meine Kinder noch erkennen oder glauben sie, ich sei ein Monster geworden?" ("Remember Me"). Insbesondere der Beginn von "If I Were King" treibt einem fast die Tränen in die Augen. Schaut euch HIER das Video an und ihr wißt was ich meine...

Trotzdem ist "American Soldier" alles andere als billige Effekthascherei. Es ist ein Album, das aufrüttelt, aufwühlt und jede Menge Gefühle freisetzt. Musikalisch präsentiert sich die Band so innovativ wie schon länger nicht mehr. Sozusagen back to the roots. Mehrstimmige Gitarrenläufe wechseln sich ab mit den für Queensryche typischen komplexen Arrangements. Nicht umsonst werden sie dem Progressive Metal-Lager zugeordnet. Es wird spannend sein zu sehen, wie diese live umgesetzt werden (eine Tour ist in Planung!). Michael Wilton (der hier zum ersten Mal alle Gitarren eingespielt hat) glänzt mit einigen grandiosen Soli ("Unafraid") und auch die Drums stehen wieder sehr viel mehr im Vordergrund als noch auf den Vorgänger-Alben ("The Killer"). Überhaupt klingen die Gitarren endlich wieder rau und voller Kraft. Dazu kommt wie gewohnt Geoff Tates wunderbarer Gesang. In "Home Again" singt er ein Duett mit seiner Tochter Emily und gemeinsam erschaffen sie dabei den schönsten Queensryche-Song seit "Silent Lucidity". Der Kloß im Hals ist vorprogrammiert (besonders wenn man selbst Vater ist).

Die Songs gehen fast ausnahmslos ineinander über, was aber in der Natur eines Konzeptalbums liegt. Die Perspektiven, die Geoff Tate darin einnimmt sind in der Tat vielfältig. Mal ist er Bomberpilot ("At 30,000 FT"), dann trauert er mit den Hinterbliebenen ("If I Were King"), beschreibt die Einsamkeit und Verzweiflung der Soldaten, all ihre unbeantworteten Fragen nach dem Sinn ihres Tuns ("A Dead Mans Words") oder teilt ihre Sorge um die Familien zu Hause ("Remember Me"). Mit "Middle Of Hell" gibt es zwischendurch auch eine deutlich radiokompatible Nummer, die sogar ein Saxophon zu bieten hat.

Bis auf den Closer "The Voice", der im Vergleich zu den übrigen Stücken etwas abfällt, findet man keinerlei Schwachpunkte auf "American Soldier". Die letzten Worte des Albums lauten "Hab keine Angst". "Wir Amerikaner verdanken unsere Freiheit den Soldaten. Ihre Stimmen sollen immer Gehör finden", schreibt Brigadegeneral Charles M. Burke im Booklet. Queensryche sorgen mit ihrem neuen Album dafür, dass ihre Geschichten nicht vergessen werden. Im Booklet finden sich darüberhinaus auch alle Texte und ich kann euch nur empfehlen sie zu lesen. "American Soldier" ist ein des Themas würdiges und wütendes Stück Musik, mit dem Queensryche auf beeindruckende Art und Weise an ihre früheren Meisterwerke anknüpfen. Sie klingen fast wie befreit. Vielleicht mussten sie erst die Schatten von "Operation: Mindcrime" loswerden, um wieder zu einer solchen Glanztat fähig zu sein. Höchstwertung!

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