Queensryche

Operation Mindcrime 2

Veröffentlicht: 31.03.2006 / Rhino / Warner

Von: Thomas Kröll

Queensryche

Bis etwa Mitte der 1990er gehörten Queensryche fest zur Gruppe meiner unantastbaren musikalischen Helden. 1994 hatten sie mit „Promised Land“ gerade ihr fünftes Album veröffentlicht, das die Band von einer sehr ruhigen Seite zeigte. Zu ruhig für meinen Geschmack. Auch die Folgealben (mit Ausnahme von „Q2K“) ließen Queensryche leider nicht mehr an ihre beste Zeit anknüpfen. Eine Zeit, in der Alben wie „Empire“ (1990) oder „Operation: Mindcrime“ entstanden waren. Vielleicht lag es auch daran, dass 1998 mit Gitarrist Chris DeGarmo einer der beiden Masterminds neben Sänger Geoff Tate das Quintett verlassen hatte.

Insbesondere „Operation: Mindcrime“ revolutionierte 1988 die headbangende Musikwelt. Etwas von dieser Qualität und Intensität hatte die Hard`n Heavy-Fraktion bis dahin noch nicht zu hören bekommen. Dieses grossartige Konzeptalbum stellte praktisch über Nacht ihre Welt komplett auf den langhaarigen Kopf. Die Geschichte von Nikki, Dr. X und Sister Mary gilt nicht umsonst bis heute als eines der wichtigsten und innovativsten Metal-Alben aller Zeiten. Ich habe es geliebt und liebe es heute noch!

Auch Queensryche selbst konnten nie ganz davon lassen. 1991 erschien „Operation: Livecrime“, eine Box aus Video und CD, mit dem kompletten „Mindcrime“-Material als Live-Set. 2003 wurde „Operation: Mindcrime“ remastered und inklusive „The Mission“ und „My Empty Room“ als zusätzlichen Live-Tracks wiederveröffentlicht. Schließlich spielte die Band auf ihrer letzten US-Tour das komplette Set noch einmal, dieses Mal sogar mit Darstellern und Chören auf der Bühne.

18 Jahre nach dem Original liegt nun also die Fortsetzung vor: „Operation: Mindcrime 2“. Gleichzeitig herbeigesehnt und gefürchtet. Denn dass den Jungs aus Seattle (mit Mike Stone anstelle von DeGarmo) erneut ein ähnlicher Meilenstein gelingen würde, konnte wohl ernsthaft niemand erwarten.

Um es vorwegzunehmen: Es ist auch keiner geworden. Knaller wie „Revolution Calling“ oder „The Needle Lies“ sucht man jedenfalls vergeblich. Das liegt aber vor allem daran, dass Part 1 die Messlatte in nahezu unerreichbare Höhen gelegt hat. Will man Part 2 fair und unvoreingenommen begegnen, muss man diese Messlatte ganz schnell vergessen und „Operation: Mindcrime 2“ als das nehmen, was es im Grunde ist: Einfach ein neues Album von Queensryche. Das ist zugegebenermaßen schwierig, aber erst dann kann es sich entfalten. Doch das braucht seine Zeit. Ich habe es sieben- oder achtmal durchgehört bevor es „Klick“ machte.

„Operation: Mindcrime 2“ ist deutlich düsterer ausgefallen als der erste Teil und schwankt irgendwo zwischen Rock und Oper. Wobei diese Verbindung nicht durchgängig gelingt. Zwischendurch nimmt es sogar mal Züge eines Musicals an („Re-Arrange You“ oder „Hostage“). Glücklicherweise behält der Rock aber die Oberhand, denn auf der anderen Seite haben Queensryche endlich wieder ausgiebig ihre fetten Gitarren ausgepackt („Signs Say Go“ / „Murderer?“ / „A Junkie`s Blues“). Geoff Tate zeigt seine altbekannten, unglaublich vielseitigen Gesangskünste. Immerhin hat der Mann mal eine Opernausbildung genossen. Unterstützt wird er erneut von Pamela Moore als Sister Mary und niemand geringerem als Ronnie James Dio in der Rolle des Dr. X. Während Dio dabei in „The Chase“ zu überzeugen vermag, liegt Moore stimmlich diesmal leider völlig neben der Spur. „If I Could Change It All“ ist fast schon nervtötend... Mike Stone hingegen beweist gleich zu Beginn („I`m American“) und bei weiteren zahlreichen Queensryche-typischen Gitarrenläufen, wie etwa „An Intentional Confrontation“, dass er die Fußstapfen von DeGarmo mehr als würdig ausfüllen kann. Das Album klingt nicht zuletzt durch seine Gitarrenarbeit schön druckvoll, auch wenn mit „All The Promises“ zum Abschluss leider ein tiefer Griff ins Klo zu beklagen ist. Alle Songs gehen nahtlos ineinander über, einige instrumentale Zwischenspiele dienen dabei als Brücken.

Was mir persönlich etwas fehlt, sind die eingebauten Samples, die hier deutlich spärlicher auftauchen als noch im Original. Aber das ist reine Geschmackssache. Auch das Coverartwork halte ich zumindest für unglücklich, weil stark am ersten „Mindcrime“-Album angelehnt. Damit wecken Queensryche erst recht Erwartungen, die sie letztlich gar nicht erfüllen können. Schön allerdings, dass alle Texte im Booklet nachzulesen sind.

So fällt das Urteil insgesamt positiv aus: „Operation: Mindcrime 2“ ist ein sehr abwechslungsreiches Album geworden und mit ziemlicher Sicherheit das Beste von Queensryche seit „Q2K“. Kein Klassiker, aber alles andere als ein billiger Abklatsch! Nicht die grosse Liebe von früher, aber definitiv der Neubeginn einer guten Freundschaft! Wer ganz genau hinhört, entdeckt in „The Hands“ sogar noch eine Reminiszenz an „Eyes Of A Stranger“ von Part 1. Wie die Story weitergeht, soll an dieser Stelle übrigens nicht verraten werden. Nur soviel: Nikki findet den wahren Mörder von Sister Mary... Sein Antrieb ist die Rache!

Die Intention von „Operation: Mindcrime 2“ fasst Geoff Tate wie folgt zusammen: „Ich denke, als Gesellschaft sind wir in einem schlechteren Zustand als damals, als wir das Original gemacht haben. (...) Kunst ist die Seele der Zivilisation. Wir haben die Kunst bis zu einer gefährlichen Grenze entwertet (...). Wir haben eine Generation aufgezogen, die glaubt, es ist okay, Musik zu stehlen. Vor nicht all zu langer Zeit konnte man sich noch einreden, dass schon irgendwie alles gut wird. Nun ist der Schleier gelüftet und es ist unmöglich, die Tatsache zu leugnen, dass unsere Gesellschaft in Schwierigkeiten steckt“. Wenn man die CD aus ihrer Hülle nimmt, erscheint eine Collage, die Sister Mary eingehüllt in die amerikanische Flagge vor dem Zeichen der Vereinten Nationen zeigt. Auch das eine Botschaft!

Wie zu hören ist, wollen Queensryche beide „Mindcrime“-Teile auch wieder zusammen auf die Bühne bringen. Darauf freue ich mich schon jetzt! Eine entsprechende DVD ist ebenfalls im Angebot der Gerüchteküche. Um Nikki zu zitieren: „I remember now, I remember how it started, I can`t remember yesterday, I just remember doing what they troubled me…”.

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