Take Cover

Das jüngste Queensryche-Werk ist nun also ein ganzes Album voller Coverversionen – ein Grund zum Naserümpfen? Nicht zwangsläufig, war doch im Anfang die Coverversion! Was wäre beispielsweise geworden, wenn der kompositorisch eher untalentierte Jimi Hendrix nicht die Songs Bob Dylan’s gehabt hätte? Eben: nichts, gar nichts! Alles wüst und leer, der Planet Rock wäre wahrscheinlich unerschaffen geblieben.
Natürlich beklatschen wir hier nicht jeden seither nach-gespielten Song, v.a. nicht die ungezählten Aufwärmübungen mit alten Hits, weil man gerade keinen neuen schreiben kann. Jüngste Beispiele: Die Goo Goo Dolls covern „Give A Little Bit“ auf dem Niveau einer Top40-Kirmesband! Oder Limp Bizkit's Aufguss von “Behind Blue Eyes” - uninspirierte Abziehbilder ohne jegliche Originalität! Muss man es eigens erwähnen, dass uns Queensryche Belanglosigkeiten dieses Kalibers ersparen?
Nein, vom Archetyp aller intelligenten Metalbands müssen wir natürlich die andere Sorte Covers erwarten dürfen: solche, die dem Song eine eigene, unerwartete Note geben und ihm gerade dadurch zu seinem Recht verhelfen, dass sich Komposition und Interpretation gegenseitig befruchten.
Besonders gut gelingt ihnen das beim eher schweren Material. „Welcome To The Machine“ eröffnet das Album angemessen düster. Eddie Jacksons straighter, knurrender Bass wird von Scott Rockenfields Schlagwerk filigran paraphrasiert, auf dramatisch-schleppendem Fundament ertönt irgendwann noch das verhallte Saxophon aus „Promised Land“ – wunderbar! Auch der Black Sabbath-Song „Neon Knights“ kommt im Queensryche-Gewand so selbstverständlich daher, dass man ihn unerkannt auf dem Frühwerk „The Warning“ hätte verstecken können.
Dabei ist die Bandbreite des interpretierten Materials beachtlich. Sogar die Oper ist vertreten (in „echtem“ Italienisch, versteht sich). „Odissea“ heißt das Werk. Pathetisches Zeug – der nächste Gentleman-Affe, der eine Hymne für den Boxring braucht, sollte das hier mal prüfen. Ist aber gut gemacht, und man hört förmlich, mit wie viel Spaß der ausgebildete Opernsänger Geoff Tate hier sein Können auslebt.
Sollte der Gute etwa auf eine späte Karriere am Broadway schielen? Oder ist es Zufall, dass mit „Heaven On Their Minds“ aus „Jesus Christ Superstar“ obendrein auch das Genre Musical aufgearbeitet wird? Tendenzen dorthin hatte der Kollege Kröll ja schon beim Mindcrime-Sequel bemerkt (Review), von Tate’s Performance „At The Moore“ ganz zu schweigen. Und grundsätzlich in die gleiche Richtung deutet auch die Adaption von Queen’s Pomp-Epos „Innuendo“ - die ist allerdings gründlich danebengegangen. In ihrer rau und ehrlich gehaltenen Version entlarven Queensryche „Innuendo“ eher ungewollt als ganz dürftige Komposition, die im Original nur von glamourösem Kitsch lebt. Wenn man nun landläufig sagt, man könne gewisse Substanzen nicht polieren, ist das nur die halbe Wahrheit: Queen konnten das! Alle anderen können’s nicht.
Darüber hinaus erweitern Queensryche die Bandbreite noch um Hippiehymne („Almost Cut My Hair“ von CSN&Y), Folk-Rock („For What It’s Worth“ / Buffalo Springfield) und R&B („For The Love Of Money“ / The O’Jays). Beim CSN&Y-Song v.a. ist hier auch einmal eine ungewohnte, weil bluesige, Gitarrenarbeit zu hören – was Spaß macht! Alles in allem sind das aber biedere Songs, die nüchtern betrachtet auch in der Queensryche-Adaption bieder bleiben. Ebenfalls in die „ganz nett“-Kategorie fällt „Synchronicity II“, hier fehlt der Heavy-Band wohl ganz naturgemäß die minimalistische Leichtigkeit, mit der The Police ihre Songs zum Fliegen brachten.
Dann aber hält „Take Cover“ noch echte Knaller parat. Alles überstrahlend bläst Peter Gabriel’s „Red Rain“ zum furiosen Finale – hier finden Song und Band derart kongenial zueinander, als hätten sie seit jeher aufeinander gewartet. Das ist 100% Queensryche, und das ist 100% „Red Rain“! Und ganz am Ende gibt es noch „Bullet The Blue Sky“, wobei Tate die amerikakritische Aussage nicht weniger kritisch seiner Binnen-Perspektive anpasst. Adäquaterweise live, wie auch U2’s Original erst auf der Bühne seine ganze Wucht entfaltete. Dem Hörer macht’s den Mund wässrig – wann gab’s eigentlich die letzte Deutschland-Tournee?
Über die Signifikanz von „Take Cover“ im Gesamtwerk der Band ließe sich nun trefflich spekulieren, ich möchte es an dieser Stelle unterlassen. Queensryche werden hoffentlich noch eine Zukunft haben, die diese Einordnung ermöglicht. Entscheidend ist auf’m Platz, und die Gegenwart liegt nun mit diesem Cover-Album im CD-Player.
Hier ist beileibe nicht durchgehend alles gelungen, aber es ist auch nirgends der anbiedernde Versuch vorhanden, nebenbei noch eine wohlfeile Hitsingle nach der Masche der eingangs erwähnten Straftäter auszuwerfen. Queensryche pflegen einen respektvollen Umgang mit dem ausgewählten Material und gewähren uns obendrein mit der esoterischen Zusammenstellung einen Einblick in die intime Sphäre der eigenen musikalischen Prägung. Die Songauswahl alleine dokumentiert bei aller Just-for-fun-Attitüde noch ein gehöriges Maß an Ambition, in der Breite wie in der Tiefe.
Ein gutes Album, wohl nur für Fans, oder aber: auch für Fans wohl „nur“ ein gutes Album.
Zur Veröffentlichung von "Take Cover" haben wir übrigens ein kleines aber feines Queensryche-Gewinnspiel am Start. Wer sein Glück versuchen möchte, der klicke hier.