Accelerate

Vier Jahre sind seit dem letzten R.E.M.-Album "Around The Sun" vergangen. Michael Stipe, Peter Buck und Mike Mills hätten es sich leicht machen und ihren gewohnten musikalischen Schemel einfach weiterreiten können, das neue Album hätte sich vermutlich trotzdem verkauft wie Feuerholz am Nordpol. Doch die Drei haben es sich zum Glück anders überlegt. Das meistverwendete Wort in dieser Rezension wird wohl "Rock" sein und wann hat es das im Zusammenhang mit R.E.M. zuletzt gegeben?
Um das 14. Studioalbum des Trios aus Athens, Georgia hatte es im Vorfeld ziemlich viel Geheimniskrämerei gegeben. Ende Februar lud die Plattenfirma zu einem Pre-Listening in ihr Kölner Büro - das war`s. Keine Vorabexemplare wie sonst üblich. Für Reviews gab es eine Sperrfrist. So konnte man "Accelerate" vor der Veröffentlichung genau ein einziges Mal hören. Aber das genügte bereits, um zu erkennen, dass man es hier mit dem besten und wahrscheinlich ungewöhnlichsten R.E.M.-Album in der bisher 27jährigen Bandgeschichte zu tun hat. Vier Tage vor dem Release feierte "Accelerate" dann im Internet beim Social Music Network iLike seine offizielle Weltpremiere. Dass die elf Songs in knapp 35 Minuten abgefrühstückt sind, ist schon ein deutlicher Fingerzeig in welche Richtung es geht. Das hat nahezu Bad Religion-artige Dimensionen.
Kraftvoll und rockig wie seit Mitte der Neunziger nicht mehr, legen R.E.M. mit "Accelerate" einen definitiven Rock-Kracher vor, der so mancher Alternative-Band zeigt wo der Hammer hängt: Geradeaus, melodisch und mit knackigen Gitarren versehen. Wer dachte, die erste Single "Supernatural Superserious" wäre schon rockig, der sollte sich erstmal den Rest des Albums anhören. Produzent Jacknife Lee (u.a. U2, Snow Patrol, Bloc Party) hat ganze Arbeit geleistet.
Der Opener "Living Well`s The Best Revenge" rockt gleich volle Lotte ab. Verzerrte Gitarren, ein treibendes Schlagzeug und Michael Stipe, der unglaublich rau klingt. Von dieser Güteklasse sind die Mehrzahl der Stücke auf "Accelerate", lupenreine Rocksongs. "Mansized Wreath" setzt da mit einem sirenenähnlichen Gitarrenlauf ebenso nahtlos an wie der Titelsong, der in 3:33 Minuten ein Stakkato aus Schlagzeug und Gitarre abbrennt und in einem Klanggewitter endet. Bei "Horse To Water" ist Michael Stipe fast atemlos, während Buck und Mills Alarm machen. Zum Abschluß hauen sie dann nochmal richtig auf die Kacke. "I`m Gonna DJ" hat sogar so etwas wie Rockabilly-Appeal. Respekt, meine Herren!
Doch R.E.M. wären nun doch nicht R.E.M., gäbe es keine leisen Zwischentöne. Das grossartige "Houston" klingt mit Akustikgitarre und einer verstörenden Orgel vergleichsweise melancholisch. "Hollow Man" mit seinem Piano-Intro hört sich noch am ehesten nach den R.E.M. an wie man sie zuletzt kannte, auch wenn die Drei zum Ende hin - ihr ahnt es schon - gepflegt abrocken. Das ruhigste Stück ist "Until The Day Is Done", getragen von der Akustikklampfe und einem hymnischen Michael Stipe. Wunderschön! Erinnert anfangs ein klein wenig an "Blaze Of Glory" von Bon Jovi, wobei dieser Vergleich natürlich unzulässig ist. Lediglich "Mr. Richards" mit übertrieben poppigem Unterton und "Sing For The Submarine" fallen etwas ab, was allerdings angesichts der übrigen Qualitäten von "Accelerate" nicht zwangsläufig heisst, dass die Songs schlecht sind. Beide wirken nur so, als hätten sich R.E.M. entweder nicht recht zwischen Rock und Pop entscheiden können oder Angst vor der eigenen Courage bekommen. Sie plätschern so vor sich hin und kommen irgendwie nicht richtig aus dem Quark.
Egal! "Accelerate" zeigt R.E.M. von einer (fast) neuen, vielleicht auch nur vergessenen Seite: Frisch und ausgelassen, wie befreit und nicht mehr so verkrampft intellektuell wie früher. Das Album versprüht trotz seiner Kürze einen Heidenspass und knüpft da an, wo R.E.M. mit "Out Of Time", "Automatic For The People" oder "Monster" aufgehört haben. Am Ende von "Sing For The Submarine" wird sogar gelacht. Meine Empfehlung: Könnt ihr blind kaufen. Hiermit ist Heavy Rotation befohlen! Chapeau!
Auf der R.E.M.-Webseite gibt es übrigens noch bis zur regulären Veröffentlichung am kommenden Freitag einen Countdown, der täglich ein High-Definition Video-Snippet anbietet, das von jedem User für 24 Stunden beliebig bearbeitet werden kann und dann als Stream im Archiv landet. Alle 90 Videoclips zusammen sollen dann am Ende eine zusammenhängende Story ergeben.