Wir sind am Leben

Totgeglaubte leben länger – und es ist ein wundervolles Statement, das Rosenstolz mit ihrer neuen Single und dem gleichlautenden Album "Wir sind am Leben" abgeben. Es war für viele Fans des Berliner Duos ein Schock, als sie von der psychischen Erkrankung Peter Plates hören mussten. Das Burnout-Syndrom gehört zu den weit verbreiteten Krankheiten, die in der Öffentlichkeit lange Zeit nicht ernst genommen und einer elitären Schicht zugeordnet wurden. Die Tatsache, dass auch ein prominenter Songwriter wie Peter Plate darunter zu leiden hatte, brachte diese Krankheit verstärkt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit und weckte in der medialen Erklärung von Symptomen und Verlauf sicher auch ein breites Verständnis. Auf der Homepage der Band wurde am 11. Februar 2009 die Nachricht bekannt gegeben und alle weiteren Termine der noch laufenden Tour wurden abgesagt. Jetzt – zweieinhalb Jahre später – sind sie wie Phönix aus der Asche wieder am Start und klingen lebendiger denn je.
Stilistisch hat es keinen Quantensprung gegeben. Immer noch herrschen bei den meisten Songs kraftvolle Pianolinien vor, die mit AnNa Rs Vocals die Grenze zwischen Schlager, Pop und Chanson sprengen. Vor allen Dingen ist es auch kein wehleidiges, melancholisches Album geworden, das den Schmerz eines Kranken herausschreit oder mit den Qualen des Rampenlichts hadert. Im Gegenteil. Songs wie der Titeltrack oder "Lied von den Vergessenen" sind überaus optimistisch und kämpferisch angelegt. Allein Peter Plate verarbeitet als Songwriter und Vokalist in "Mein Leben im Aschenbecher" sinnbildlich die Vergangenheit. Doch selbst das mit einem lauten "Ja" zur Gegenwart.
Musikalisch fallen mir neben den spielfreudigen Pianoballaden vor allem die Bläsersätze von "Überdosis Glück" auf, die von den Berliner Seeed-Kollegen eingespielt wurden. Ebenso spannend erklingen die Synthie-Töne von "E.N.E.R.G.I.E." und "Flugzeug", die sich stilistisch deutlich vom Rest des Albums absetzen und einige Hördurchgänge brauchen, bis ein Gewöhnungseffekt einsetzt. Viel zu schnell klingt das Album mit der ergreifenden Liebeserklärung "Beautiful" aus – einem erzählenden Song, wie ihn Rosenstolz-Fans lieben.
Kaum zu glauben –es ist das zwölfte Studioalbum. Auf 20 erfolgreiche Jahre kann das Duo jetzt zurück blicken, wobei sich der Erfolg in der ersten Dekade noch im entspannten Rahmen Berlins abspielte. Die Auszeit hat den beiden sichtlich gut getan und es geht mit viel Elan erneut ans Werk. "Nun beginnt Rosenstolz 3.0", sagt AnNa dazu. "Wir fangen einfach nochmal von vorne an!"