The RPWL Experience

Den musikalischen Output mit dem Zusatz “The Experience” zu betiteln, war man bisher vor allem von elektronischen Klangexperimentierern wie z.B. Prodigy gewohnt. Dass eine lupenreine Progband wie die ehemaligen Pink Floyd-Bewunderer RPWL sich dieses Stilmittels bedienen, hat dann doch Seltenheitswert. Allerdings hat sich ihr Sound tatsächlich verändert. Es scheint fast, als habe Gitarrero Kalle Wallner durch sein äusserst positives Solo-Erlebnis mit Blind Ego an Selbstvertrauen gewonnen und als gelänge es ihm, der Band stärker seinen musikalischen Stempel aufzudrücken.
“Silenced“ startet dann auch gleich ganz gitarrenlastig, bevor ein stilistischer Wechsel in sphärische Elektronik-Klänge erfolgt. Zehn sehr vielseitige Minuten, die die Richtung des Albums vorgeben und auch die altbekannten RPWL kräftig durchscheinen lassen, wenn zum Ende floydige Klänge die Szene beherrschen und den passenden Soundtrack zu Yogi Langs gewohnt glänzender Gesangsdarbietung bilden. Ein Opener, der es in sich hat.
“Breath In, Breath Out“ kommt als sehr melodische Gitarrenballade daher, die mit der melancholischen Vokalpassage auch von Porcupine Tree stammen könnte. Ebenso proggig angelegt führt “Where Can I Go“ die begonnene Linie fort.
Überraschend folgt mit “Masters Of War“ ein Coversong von Bob Dylan. Sehr atmosphärisch arrangiert baut Yogi Lang eine melancholische Stimmung auf, die Wallner mit seinen Riffs in eine Richtung führt, die den 80er Pink Floyd alle Ehre gemacht hätte. Dylan meets Floyd? Ein rundum gelungenes Experiment.
“This Is Not A Prog Song“ ist dann der in meinen Augen coolste Song des Albums. Triefend vor Selbstironie, eingeleitet von verzerrten Gitarren und mit einer überaus melodischen Gesangslinie erzählt Yogi mit deutlichem Augenzwinkern die Geschichte der Band von den Anfängen als Pink Floyd-Coverband. Dabei startet man mit sanften Tönen und eingängigem Refrain, steigert sich aber in ein rockiges Instrumental-Arrangement mit abschließenden Independent-Anleihen.
“Watch Myself“ bringt die sphärischen Klänge zurück ins Spiel, die dann in dem soundtechnisch stark aufgepeppten Bombaststück “Stranger“ weitergeführt werden.
Mit der wundervollen Ballade “River“ überzeugt Yogi Lang absolut von seinem vokalistischen Können. Etwas schmalztriefend im Text vielleicht – aber von einer wundervollen Zartheit, der im zweiten Teil ein düsterer elektronischer Klangteppich gegenüber gestellt wird.
“Choose What You Want To Look At“ ist der vom Härtegrad sicherlich überraschendste Song des Albums, in dem es neben den eindringlichen Vocals noch einige ungewöhnlich alternative Klänge zu entdecken gilt. Das akustische “Turn Back The Clock“ dient dann abschließend zum Abkühlen. Eine schöne Progballade, die auch den Genesis der 70er oder den deutschen Grobschnitt in ihrer melodischen Phase gut gestanden hätte.
RPWL zeigen deutlich, dass sie sich nicht mehr auf die typische Artrock / Melodic Rock Schiene reduzieren lassen. Die stilistische Vielfalt war noch nie so groß wie auf ihrem sechsten regulären Longplayer. Eine Bestandsaufnahme, die deutlich zeigt, welche zukünftigen Heldentaten noch zu erwarten sind.