All Days Are Nights: Songs For Lulu

Prominente Musiker wie Elton John oder Polizeichef Sting erklärten Rufus Wainwright bereits nach seinem 1998 erschienen, selbst betitelten Debüt zu einem der größten Singer/Songwriter unserer Zeit. Seine Alben "Want One" (2003) und "Want Two" (2004) wurden zwar von der Musikpresse in den Himmel gelobt, doch der große kommerzielle Erfolg blieb dem gebürtigen Kanadier bislang verwehrt. Ich selbst muss gestehen, dass ich erst mit der Veröffentlichung des fulminanten Live-Albums "Rufus Does Judy At Carnegie Hall" auf den Künstler aufmerksam wurde. Die detailgetreue Kopie eines Konzerts von Judy Garland aus dem Jahr 1961 an eben dieser Spielstätte ist ein genialer Mitschnitt, der zeigt, mit welcher Perfektion Wainwright seine Träume in die Tat umsetzt. Mit "Release The Stars" veröffentlichte er 2007 sein fünftes Album, welches in enger Zusammenarbeit mit Neil Tennant entstand und auf Anhieb auf Platz zwei in den britischen Charts einstieg.
Seinen bis heute geltenden Leitspruch "Lebe lieber ungewöhnlich" hat sich Rufus Wainwright schon früh auf die musikalische Fahne geschrieben. Schon als Teenager bewunderte er die Welt der Oper und seine Liebe zu dieser ist bis heute ungebrochen. So verbinden sich in seiner Musik Pomp und opernhafte Opulenz mit bittersüßen Popmelodien. Zeitgleich zum neuen Album erscheint die DVD "Prima Donna – The Story Of An Opera". Dort wird Rufus Wainwright als Künstler porträtiert und gleichzeitig über die Entstehung seiner ersten Oper "Prima Donna" berichtet, an der er zur Zeit im Auftrag der Metropolitan Opera arbeitet.
Zunächst aber erscheint dieser Tage der Liederzyklus "All Days Are Nights: Songs For Lulu" in ungewöhnlich reduzierter Besetzung – nur Stimme und Klavier. Fast, als habe Rufus nach einem Ausgleich zu den opulenten Opernwerken gesucht. Der intime Rahmen zeigt den Sänger emotional und reflektiert wie selten zuvor. "Die neue CD ist für mich eine Möglichkeit, mich dem Klavier anzunähern. Uns verbindet eine seltsame Geschichte." Der sonst so starke Hang zur Dramatik wird hier auf den Dialog mit dem Instrument beschränkt und das Ergebnis ist überwältigend. Noch klarer, noch energischer klingt seine Stimme und das hat viel mehr mit den Kunstliedern von Franz Schubert zu tun als mit den gewohnten Popklängen der Vergangenheit.
Neben neun eigenen Stücken vertont Wainwright drei Sonette von William Shakespeare, nämlich die Nummern 43, 20 und 10 (wem immer das etwas sagt). Ein Faible für diese unbekannteren Werke Shakespeares hat er bereits am Berliner Ensemble gezeigt, wo er einen Zyklus der Sonette gemeinsam mit Robert Wilson aufführte. Man kann sich denken, dass das Album sehr ruhig gehalten ist. Getragene Stimme, sanfte, fast immer melancholische Klaviertöne. Nur auf dem einzig schnelleren Stück "Give Me What I Want And Give It To Me Now!" und in "The Dream" kommt etwas Lebendigkeit auf.
Sicher sind die "Songs For Lulu" nicht nach jedermanns Geschmack und Freunde des großen poppigen Songwritings werden mitunter schnell gelangweilt sein. Doch es sei angemerkt, dass Rufus Wainwright hier eine weitere Facette seines unerschöpflichen Talents zeigt und mal wieder keine halben Sachen macht. Weitere Geniestreiche dürfen folgen!