Sarah Bettens

Shine

Veröffentlicht: 23.11.2007 / Naive / Indigo

Von: Thomas Welsch

Sarah Bettens

Die Zeitungen unserer belgischen Nachbarn sind voll von Krisenberichten. Seit Monaten ist das Land ohne Regierung und im Inneren tief zerstritten. Da mag es dem ein oder der anderen gut getan haben, als er eines schönen Oktobermorgens in seiner Tageszeitung „DeMorgen“ eine CD fand. Einfach so. Es war eines von ca. 150.000 Exemplaren des neuen Albums von Sarah Bettens. Sie war einst die Hälfte des erfolgreichsten belgischen Rock-Exports K´s Choice. Seit der Auflösung im Jahr 2003 gehen Sarah und ihr Bruder Gert Bettens in musikalischer Hinsicht getrennte Wege.

Seitdem ist im Leben der Belgierin viel passiert und Musikkenner wissen, dass Zeiten des Umbruchs oft Kreativitätsschübe hervorbringen. „Shine“, ihr zweites Soloalbum nach dem Debut „Scream“ im Jahr 2005, profitiert genau davon. Da ist eine Frau, die viel zu erzählen hat, aus der die Melodien und Texte sprudeln. Und diese Frau hat das verständliche Bedürfnis, dass ihr möglichst viele Menschen zuhören. In dieser Hinsicht ist wohl auch die ungewöhnliche Zeitungsaktion zu verstehen, obwohl sie in punkto Bekanntheit in Belgien schon seit fast 15 Jahren kaum zu toppen ist. „Shine“ ist weit mehr geworden als eine kostenlose Zeitungsbeilage. Es ist ein schönes Gesamtwerk, das mal rockig, mal melancholisch und dabei immer authentisch daher kommt. Die meisten Songs stammen aus ihrer eigenen Feder. Die einzigen Ausnahmen bilden interessanterweise die ersten drei Stücke.

„I Can´t Get Out“ macht dabei mit eingängigem Refrain den Anfang. Es handelt von den Fesseln und Verstrickungen des Alltags, aus denen es unmöglich scheint auszubrechen. Dessen Antipode findet sich einige Songs später mit „Driving Alone“. Schnörkellose Poprock-Harmonien untermalen das zentrale Statement: „I´ll go wherever I need to go“. Diese Haltung entspricht wohl der jetzigen Sarah Bettens, die in verschiedener Hinsicht aus ihren Zwängen ausgebrochen ist und ihren Weg geht. Das ist wohl das neue Lebensgefühl, das sich auf dem Album „Shine“ unbeirrt seinen Weg sucht. Es ist also kein Zufall, dass der gleichlautende Titel „Shine“ genau diese Thematik mit schöner Lyrik umschreibt. „Put It Out For Good“ bietet befreienden Rock der besonders einprägenden Art und Weise. Ein Video wurde für „Daddys Gun“ gedreht, in dem Sarah im Lauf einer Pistole zu sehen ist, während sie aus Sicht eines Kindes die unerträgliche Präsenz von Waffen (in den USA) anprangert.

„Shine“ hat keinen Ausfall. Bei keinem Song beschleicht einen das Gefühl, er fungiere als Lückenfüller. Besonders hervorzuheben ist aber Sarahs Stimme, die wie selten zuvor durch eine wunderbare Klarheit mit rauchigem Schleier besticht. Besonders schön kommt dies in „Feel Me Break“ zum Tragen. Wenn ich zuvor das Hauptthema mit Seinen-eigenen-Weg-gehen beschrieben habe, so mündet dies wohl unbestritten im fast bedrückend intimen „It´s Alright“. Und intim ist dann auch der abschließende „Soldier Song“, ein sehr emotionales Statement gegen den Krieg.

Was „Shine“ zu einem gelungenen Werk macht, ist die Kraft, die aus dem ständig fühlbaren Freiheitsdrang resultiert. Sarah emanzipiert sich also von ihrer Vergangenheit und damit auch von K´s Choice, gleichzeitig knüpft sie musikalisch an die Kreativität, die sie mit dieser Band entwickelte, an. Und da wohl kaum jemand, der diese Zeilen liest, die belgische Zeitung „DeMorgen“ im Abo hat, rate ich zum herkömmlichen Vorgehen, sprich während des nächsten Besuchs beim CD-Händler, die Anschaffung von „Shine“ in Betracht zu ziehen.

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