A-Lex

Was haben die Toten Hosen, Stanley Kubrick und Sepultura außer gutem Aussehen und Charme gemeinsam? Sie haben sich alle künstlerisch mit einem Klassiker der Weltliteratur auseinandergesetzt, nämlich mit „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess. Sepultura tun das in ihrem neuesten Werk „A-Lex“ auf insgesamt 18 Tracks, die durch vier Instrumentalstücke („A-Lex I“ bis „A-Lex IV“) in vier Gruppen bzw. Sinnabschnitte aufgeteilt sind und die verschiedenen Entwicklungsstadien nachzeichnen, die Alex, die Hauptfigur der Geschichte, durchläuft. Wir haben es hier also nach „Dante XXI“ wieder mit einem Konzeptalbum zu tun.
Eines der Hauptthemen von „A Clockwork Orange“ ist sinnlose Gewalt, die Alex, wo immer er auch kann, ausübt. Mit seinen Kumpels zieht er prügelnd, vergewaltigend und marodierend durch die Nacht und kennt kein Pardon. Man könnte meinen, dass auch Sepultura hier mit Spaß an der Gewalt zu Werke gegangen sind, wobei die Gewalt, die sich hier über den Hörer entlädt, eher kreativer Natur ist. Die Cavalera-Ära mag zwar zu Ende sein, aber die Seele von Sepultura ist auch mit Derrick Green und dem neuen Drummer Jean Dollabella erhalten - und weiterentwickelt worden: sehr gut zu hören im dritten Track „Filthy Rot“, der mit seinen rhythmischen Drums Erinnerungen an „Roots Bloody Roots“ aufleben lässt. Überhaupt schlägt und trommelt sich Dollabella bravourös durch das gesamte Album, so lebt u.a. der grandiose Track „Strike“ nicht zuletzt von seinen brillanten Tempi-Wechseln.
Grandiose Tracks gibt es auf diesem Album einige. Und vor allem da, wo Sepultura die alten Pfade verlassen, wird es richtig interessant, wie bei dem opulent-orchestralen Track „Ludwig Van“, wo Beethovens Neunte – die in der Romanvorlage Alex Lieblingsmusik ist – durch den Metalwolf gedreht und mit ein paar klassischen Instrumenten garniert wird. Trotz dieser musikalischen Leckerbissen wäre es übertrieben zu behaupten, „A-Lex“ sei ein durch und durch gelungenes Album. Dem Album fehlt ein wenig die echte Rohheit, die einer Auseinandersetzung mit sinnloser Gewalt gut stehen würde. Dazu ist die Musik zu durchgestylt und komplex und lässt wenig Platz für apokalyptische Sound-Experimente. Ein wenig wirkt es, als hätte die Band sich nicht getraut, noch den letzten Schritt Richtung absolutem Mindfuck zu gehen, was schade ist.
Angeblich ist „A-Lex“ innerhalb von drei Monaten, im Rahmen von Jam-Sessions entstanden. Sollte es wirklich so sein, muss man natürlich den Hut vor den Herren ziehen. Andere Musiker brauchen Wochen, um auch nur einen Song von diesem Kaliber hinzukriegen. Fazit: „A-Lex“ ist ein Werk, bei dem gestandene Musiker am Werk waren und das hört man. Ob es als Konzeptalbum gelungen ist und Burgess Roman gerecht wird, muss jeder für sich selbst entscheiden. Als musikalisches Werk verdient es das Prädikat wertvoll allemal.