Digital Ghosts

Die Progressive Metaller aus Pennsylvania verstehen es schon seit 1992, eine Form von Mythos um sich zu schaffen, da sie noch nie auf Tour waren und auch keine Singleauskopplung vorzuweisen haben. Zumindest letzteres muss man ja schon als lobenswert bezeichnen – gehen doch viel zu viele Progbands hin und verkürzen ihre Epen auf schmucke Dreiminüter, um dem Mainstream-Publikum zu gefallen. Stattdessen bescherten Shadow Gallery in konstanter Regelmäßigkeit epische, fast schon symphonische Werke mit deutlich hartem Einschlag.
Der frühe Tod von Mike Baker, der im Alter von 45 einem Herzinfarkt erlag, war ein herber Verlust, der die Band vor fast genau einem Jahr sehr unerwartet traf. Dies hätte das Ende bedeuten können, doch nach Aufnahmen mit diversen Gastsängern entdeckte man in dem sympathischen Brian Ashland einen würdigen Nachfolger, der Baker zwar nicht adäquat ersetzen kann, mit dem aber eine gelungene Fortführung des im Entstehungsprozess befindlichen Albums – wie man selbst sagt "zu Ehren des Verstorbenen" – möglich war.
Spätestens mit "Carved In Stone" gelang es den Amerikanern in den 90ern, die Hardrock-Szene aufzumischen. Auch heute noch werden Erinnerungen an Savatage oder härtere Passagen von Pink Floyd wach. Das sechste Album "Digital Ghosts" folgt nicht (wie seine Vorgänger) einem tiefschürfenden Albumkonzept, sondern stellt sich als Aneinanderreihung guter, ausgereifter Rocksongs dar, die in ihrer Länge gerne mal die 10-Minuten-Marke antippen.
Teilweise melancholisch und düster spiegelt sich die Gemütslage der Bandmitglieder in einigen Songs wieder. Spektakulär wirkt dagegen ein Track wie "Strong" mit polyphonen Gesangselementen und Gast-Vocals von Ralf Scheepers (Primal Fear). Überhaupt hat sich mal wieder eine illustre Schar von Freunden eingefunden, um das Werk mitzugestalten: Clay Barton, Srdjan Brankovic und Vivien Lalu sind mit dabei. Zudem Drummer Joe Nevolo, der "Venom" und "Gold Dust" rhythmisch verziert.
Shadow Gallery legen keinen überraschenden Neubeginn vor. Vielmehr überzeugen sie mit alten Qualitäten und werden Anhänger von Rush, Dream Theater und Queensryche (ich nenne hier nur die fulminante Ballade "Pain") gewiss nicht enttäuschen. Warum sollten sie auch was anderes tun, als Progmetal vom Feinsten durch die Boxen zu schicken?