Laut gedacht

Im Fussball gibt es die Weisheit, das zweite Jahr sei immer das Schwerste. So wenig sich die Gültigkeit dieses Spruches bisher erwiesen hat, so gut lässt er sich auf die Situation von Silbermond übertragen. Denn nach dem ebenso durchschlagenden wie überraschenden Erfolg ihres Erstlings „Verschwende deine Zeit“ legt das Quartett aus Bautzen mit „Laut gedacht“ jetzt sein zweites Album vor. In der Zeit dazwischen haben sich Frontfrau Stefanie Kloß, Basser Johannes Stolle, Schlagzeuger Andreas Nowak und Thomas Stolle an der Gitarre live förmlich ununterbrochen den Hintern abgespielt. Von daher ist ihr jetziger Status in der deutschen Musiklandschaft auch kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit.
Die Frage ist, ob „Laut gedacht“ das Zeug dazu hat diesen Status längerfristig zu verteidigen. Immerhin ist die Konkurrenz groß. Was Silbermond für mich immer von vergleichbaren Bands wie etwa Juli oder Wir Sind Helden abhob, war ihre scheinbar völlig unaufgeregte und ehrliche Art, insbesondere im Umgang mit ihren Fans. Was jedoch letztlich über Sein oder Nichtsein entscheidet, ist die Musik. Und in dieser Beziehung ist der Band mit „Laut gedacht“ ein Schritt in die richtige Richtung gelungen.
Das Album klingt sehr viel rockiger als das Debüt vor zwei Jahren. Bereits der Opener „Meer sein“ beginnt mit einem wilden Trommelstakkato. Die erste Singleauskopplung „Unendlich“ ist da schon eher untypisch und wohl mehr den verkaufsstrategischen Gedankengängen irgendeines Labelmenschen geschuldet. In Songs wie „Wenn die Anderen“ oder „Nein Danke“ hauen Silbermond dagegen so richtig schön auf die Kacke. Man denkt schließlich laut! Selbstverständlich ist das alles kein Brachialrock sondern immer noch Pop, aber „Unerkannt“, „So wie jetzt“ oder „Lebenszeichen“ beweisen die neue Vielseitigkeit der Band. Natürlich dürfen bei Silbermond auch die ruhigeren Zwischentöne nicht fehlen. Dafür sorgen „Das Ende vom Kreis“ oder „Kartenhaus“. Mein persönliches Highlight ist eindeutig „Das Beste“, eine wunderschöne Ballade mit einer noch schöneren Botschaft. Da können auch dem hartgesottensten Musikkritiker mal die Tränen kommen...
Der gute Gesamteindruck wird etwas durch zwei kapitale Schüsse in den Ofen geschmälert. „Zu weit“ ist zu überdreht und erinnert eher an die schöne bunte Nena-Welt in den Zeiten der Neuen Deutschen Welle. „Schick Love“, ein Stück über den Klingelton-Wahn, ist derart nervig ausgefallen, dass es zwar bestens zum Thema passt, aber unter akuter Hörsturzgefährdung leidet. Dafür gibt es Abzüge in der B-Note.
Was bei deutschen Bands logischerweise auch immer eine Rolle spielt sind die Texte. Westernhagen könnte davon ein leidgeprüftes Lied singen. Oder besser nicht! Alle Texte findet ihr im Booklet, dazu noch einige nette Fotos. Die Themen sind Liebe und Zweisamkeit, Trennung und Abschied. Aber auch Zivilcourage oder die selten gewordene Fähigkeit Augenblicke zu geniessen. Es sind ganz einfach schöne Texte! Abgerundet wird das Ganze von einem Multimedia-Track, der die Band bei den Aufnahmen im Studio zeigt. Übrigens gibt es „Laut gedacht“ auch als Premium Edition inklusive einer zusätzlichen 75minütigen Live-DVD und für die ganz Sparsamen in einer Basic-Ausführung, dann allerdings ohne Booklet.
Das was unter dem Strich für Silbermond selbst zählt, „ist die Tatsache, dass wir vier zusammen Musik machen und bei Konzerten gemeinsam mit den Fans eine schöne Zeit haben können. Jetzt geht es in eine neue Runde und wir freuen uns sehr, mit der neuen Platte genau diesen Leuten vielleicht etwas an Energie und Freude zurückgeben zu können“. Die Freude ist ganz auf unserer Seite!