Steve Hackett

Wild Orchids

Veröffentlicht: 08.09.2006 / InsideOut Music / Camino Records

Von: Andreas Weist

Steve Hackett

Die momentanen Reuniongerüchte um die Band Genesis fokussieren den Blick immer nur auf drei Bandmitglieder: Tony, Mike und Phil. Für mich waren aber alle sechs (inklusive Ray Wilson) wie eine große Familie, deren Weg ich auch in den Soloprojekten immer weiter verfolgt habe. Schade also, dass Steve, Ray und Peter in das aktuelle Projekt nicht involviert sind – oder sein wollen... Das wäre ein Grund gewesen, der Tour 07 mit höheren Erwartungen entgegen zu sehen.

Sei’s drum. Seit Anfang September ist das neue Album von Steve Hackett auf dem Markt – und es bietet neben dem breiten Stilmix, den wir inzwischen von seinen Veröffentlichungen gewohnt sind, auch viel Material für den geneigten Genesis-Fan. An manchen Stellen könnte man meinen, er hat die Zeit zurück gedreht und wir befinden uns im Oktober 1977, dem Monat seines Ausstiegs bei der Ausnahmeband.

Das Spektrum reicht von Progressive Rock über Blues und Jazz bis hin zu klassischer Musik. Und Steve weiß in fast jedem Song den Zuhörer neu zu überraschen. In den letzten Jahren hat er sich oft auf einen engen musikalischen Bereich konzentriert, so in „To Watch The Storms“ auf den Rock und in „Metamorpheus“ auf die Klassik. Mit „Wild Orchids“ scheint er diese Bereiche verknüpfen zu wollen und bringt dafür auch die Sessionmusiker beider Alben zusammen.

Die „Special Edition“, die vier Bonussongs enthält, liegt mir nicht vor, aber auch die “Regular Edition” hat’s in sich: Als Opener “A Dark Night In Toytown”, der recht gemächlich beginnt, sich aber mit prägnantem Schlagzeugsound und gezielt eingesetzten schnellen Streicherpassagen immer weiter steigert. „Waters Of The Wild“ fällt eher in die Rubrik „schwierig“ – ein Song, in den man sich wohl reinhören muss, mit ausgesprochen orientalischer Melodieführung. „A Girl Called Linda“ ist dann etwas später der Song, der mich vom ersten Hören an an „A Trick Of The Tail“ erinnert. Unbedingter Anspieltipp! Nach dem traurigen „To A Close“ dann ein straightes rockiges „Ego And Id“ mit angedeuteten Pink Floyd-Klängen. „Man In The Long Black Coat“ ist überraschenderweise ein Dylan-Cover, bei dem sich Steves Stimme auch noch eher wie Johnny Cash anhört. Sehr strange... „She Moves In Memories“ ist ein klassisches Instrumentalstück, das sicher gute Chancen in der Filmmusik-Branche hätte. Den Abschluss des Albums bildet der Zweiteiler „The Fundamentals Of Brainwashing“ und „Howl“, in denen Hackett erneut alle Register zieht. Und die Gehirnwäsche ist gelungen: nach diesen Songs sollte jeder Zuhörer zum Fan werden.

Kleines Fazit: Wir bekommen geboten, was wir hören wollten. Steve Hackett erschlägt uns mit musikalischer Vielfalt, mit instrumentellen Experimenten, mit ungewöhnlichen Klängen, mit Computersounds neben klassischem Orchester. Nicht jeder wird sich darauf einlassen können, aber wer es tut, wird belohnt werden. Das Konzert in Luxemburg habe ich leider verpasst – aber wenn Steve sich nochmal hier blicken lässt, bin ich dabei.

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